Plädoyer für eine zeitgeistfreie Physik

Eine Zwischenbilanz



Inhalt:
Gegen Urängste, für geistige Souveränität
Das Verhältnis von klassischer Physik, relativistischer Physik und Quantenmechanik
   A. Klassische Physik und künftige Physik

   B. Relativistische und klassische/künftige Physik
   C. Quantenmechanik und zukünftige Physik
Für ein wissenschaftliches Wissen
Für eine Physik ohne Metaphysik
Für mehr Objektivität in der Wissenschaft
Ausblick
Flucht ins Blaue


Gegen Urängste, für geistige Souveränität

Nachdem mit dem Text "Grundlage einer Theorie des Messens" auch noch die Grundlage der Grundlagen aller messenden Wissenschaften dargestellt und die Notwendigkeit einer solchen Begründung mit dem neuesten Text "Rationale Theorien als Kriteriengeber" (Text I/A2) erläutert wurde, dürfte hinreichend Material für eine rationale Begründung der Physik vorliegen. Ziel dieser Begründung soll nicht ein dem Zeitgeist entsprungener modischer Paradigmenwechsel sein, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts irgendwie auf die Wissenschaftler überkommen ist, den sie sich selbst nicht erklären konnten, auch Kuhn konstatierte ihn nur, sondern vielmehr die Hinwendung zu einer von jedermann einsehbaren zeitlosen rationalen Grundlage der Physik. Es geht am Ende dieses von soviel Krisen geschüttelten Jahrhunderts schlicht um den Übergang von einer "modern" genannten Physik zu einer postmodernen Physik, d.h. um eine sich selbst verständliche Physik fernab aller Moden und nicht hinterfragten Intuitionen. Dabei geht es weniger um ein neues Wissen sondern um eine angemessenere Bewertung des vorhandenen, das den üblichen Argumentationen der Wissenschaftler längst entwachsen ist. So haben viele von ihnen immer noch nicht begriffen, daß die Quantenmechanik nicht die Sache beschreibt sondern nur unser Wissen über die Sache, hier der "Quanten" genannten Erscheinungen des Mikrokosmos. Aber gerade die Erkenntnis der Begrenztheit unseres Zugriffs auf die Außenwelt ist es auch, die bei der um Einstein und seine Ideen gescharten deterministischen Fraktion immer noch jene Urängste auslöst, die sie gegen gesichertes Wissen und alle Sachargumente bis heute Sturm laufen läßt. Mit Physik hat dies nur wenig zu tun. Hier werden lediglich Begriffe der Physik verwendet, um Urängste - verbunden mit Omnipotenzideologien - zu bedienen.

Doch hören wir auf, bei wissenschaftlichen Aussagen uns von Ängsten und mentalen Bedürfnissen bestimmen zu lassen. Daß unsere Theorien und Lehren schon immer nur Abbild unseres Wissens und dessen Verständnisses waren, ist weder neu noch bei einigem Nachdenken schwer zu verstehen. Neu und fortschrittlich im Sinne von Aufklärung war, daß dieses Wissen und damit die Beobachterrolle von der Quantenmechanik selbst explizit zum Gegenstand gemacht wurde. Der Beobachter ist die ins Bewußtsein gehobene und gemeisterte unvermeidliche Subjektivität unserer Erkenntnis - denn erkennen kann immer nur ein Subjekt und alle seine Erkenntnisse sind an seine kognitiven Fähigkeiten gebunden. Was Heisenberg, Bohr und ihre Freunde gelehrt haben, ist der gekonnte Umgang mit der vom Subjekt abhängigen Erfahrung. Sie wollten z.B. nicht mehr Behauptungen aufstellen zu Zuständen, die nicht beobachtbar sind, bloß weil dafür ein irrationales Bedürfnis besteht. Die Wand zwischen uns und den Dingen wurde nicht weiter in naiver Unbekümmertheit frisch-fröhlich geleugnet sondern endlich wahrgenommen und zum Gegenstand der Überlegungen gemacht, weshalb die Quantenmechanik auch so klaglos funktioniert. Und nur auf ihre gewissenhafte Weise kann man lernen, mit der Erkenntnissituation und der Wirklichkeit umzugehen. Und nur diese Weise ist angemessen und rational und eines Wissenschaftlers würdig und in der Lage, ihm jene geistige Souveränität zu verleihen, die er zu einem Forschen braucht, das diesen Namen verdient.


Aufgrund der bisherigen Texte von Teil I meiner Homepage wäre m.E. das Verhältnis von klassischer Physik, relativistischer Physik und Quantenmechanik zu einer zeitgeistfreien künftigen Physik wie folgt zu charakterisieren:

A. Klassische Physik und künftige Physik

Im Text "Allgemeine Grundlagen der Mechanik" habe ich eine Axiomatik klassischer Art vorgestellt, die auf dem Grund-Satz des Erhalts, den Descartes "Das Erste Naturgesetz" nannte, und auf dem von mir entwickelten Grund-Satz der Ganzheit fußt, den man "Das Zweite Naturgesetz" nennen könnte. Sie ist der Kern einer zeitlosen Mechanik, ohne die theologischen Elemente, mit denen Newton dem Zeitgeist Rechnung tragen wollte oder mußte. Sie bezieht Einsteins Erkenntnis von der Trägheit der Energie (m = E/c2) ein und argumentiert, gemäß dem von mir aufgestellten Realprinzip, rein auf der Objektebene, möglichst ohne biomorphe Formulierungen, soweit es mir nicht darum gegangen ist, den ontologischen Status der Zustände "Ruhe" und "Bewegung" klarzustellen. Ich denke, ich habe gezeigt, was der zeitlose Kern der klassischen Mechanik und was seine rationalen Begründung ist und wie und wo neue Erfahrungen und ganzheitliche Phänomene einzuordnen sind.

B. Relativistische und klassische/künftige Physik

Die relativistische Physik korrespondierte in hervorragender Weise mit dem deterministischen Zeitgeist der Jahrhundertwende, auch wenn dies vielleicht nur Zufall war. Durch die großen Fortschritte des 19. Jahrhunderts im industriell-militärischen Komplex aufgrund technischer Entwicklungen und wissenschaftlicher Entdeckungen war ein euphorischer deterministischer Zeitgeist aufgekommen, dem nun alles machbar erschien. Da konnte man die der Machbarkeit Grenzen setzende Eigenursächlichkeit der Dinge nicht mehr brauchen. So paßte es gut, daß Ernst Mach (der Name verpflichtet), aufgrund seines Sensualismus, Ursachen als metaphysisch-religiösen Humbug verteufelte und eine rein auf den Augenschein und sonstige Sinneswahrnehmungen gründende Mechanik forderte, dem Augenschein also mehr trauen wollte als der Vernunft.

Diese Abwendung von Vernunftargumenten und ihren Kriterien, wie Logik und Kausalität, zu Gunsten des Augenscheins, die an der Wiege der relativistischen Mechanik Pate stand, wirkt in ihr auch heute noch fort, indem z.B. die Anhänger Einsteins blindes Vertrauen in ihre augenscheinlichen, meist frei herbeiinterpretierten "Beweise" setzen, Vernunfteinwendungen dagegen nicht ernst nehmen und ignorieren.

So ist die relativistische Physik eine bewußt um Ursachen verkürzte klassische Physik deterministischer Ausprägung. Die von Einstein mit dem "machschen Prinzip" herbeiphilosophierte massenlose Masse(!), die sich ihre Trägheit von anderen, "fernen" Massen leihen muß, die sie aber auch nicht haben dürfen, ist eine der widersinnigen Konsequenzen. Der Widersinn dieser Physik zeigt sich jedoch schon darin, daß sie einerseits von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ausgeht, andererseits zugleich die Konstanz der Meßgrößen Länge und Zeit, durch wie wir einzig von der Konstanz oder Nichtkonstanz einer Geschwindigkeit etwas wissen könnten, bestreitet und somit ihrer ersten Behauptung die Grundlage nimmt. Auch ist die von der Erde aus zu beobachtende Ablenkung von Sternenlicht in der Nähe der Sonne ebenfalls mit der behaupteten Bewegungskonstanz des Lichtes unvereinbar, denn selbst wenn bloß eine Richtungsänderung vorläge, hätten wir es bereits mit einer Änderung der Bewegungsgröße und dadurch mit dem Vektor einer Beschleunigung zu tun. Solche Widersprüche irritieren relativistische Physiker aber weiter nicht, da sie Kriterien der Logik und Metrologie durch Einsteins Theorie für überholt halten. Der Physiker Ernst Schmutzer daher selbstbewußt: "Aussagen über das Messen an einem Gegenstand erfordern als Basis die Kenntnis der richtigen Theorie des Gegenstandes - mit anderen Worten, Einsteins Standpunkt." Das ist nicht nur ein Paradigmenwechsel, wie Thomas S. Kuhn meinte, nicht nur die Umwertung sondern die Abwertung wissenschaftlicher Werte: Die prüfenden Messung soll sich nach der zu prüfenden Theorie richten. Man schlägt dadurch dem Forscher die neutrale Meßlatte aus der Hand, durch die er neutral und objektiv etwas wissen könnte. Was bleibt, ist der rational und faktisch nicht zu begründende Glaube an Einstein und seine Lehre, die einem irgendwie gelegen kommt.

Für jemand jedoch, für den Logik nichts mit modischen Paradigmen zu tun hat, die man entsprechend dem Zeitgeschmack wechseln kann, bleibt die Aussage: "Raum und Zeit sind relativ" logisch unmöglich und daher inakzeptabel, denn die Geschwindigkeitsabhängigkeit von Dingen einschließlich der Meßmittel kann nur aufgrund zuverlässig maßhaltiger Meßmittel beurteilt werden. Wissenschaftliches Wissen ist für ihn an zeitlose Kriterien gebunden und keine dem Zeitgeist unterliegende (Er-)Messensfrage. Die Gültigkeit von Einsteins Aussage setzt also genau das Kriterium voraus, was sie vehement bestreitet. Daraus ergibt sich folgendes wirkliches Paradoxon: Ist alles relativ, dann können wir es nicht wissen (brauchen es aber auch nicht zu wissen), aber wenn wir es "wissen", dann ist nicht alles relativ. Und wenn etwas einmal relativ ist und ein andermal nicht, dann ist die Relativität kein Naturgesetz. Das ist für die Idee der Relativität von Raum und Zeit eine unaufhebbare Zwickmühle zwischen Entbehrlichkeit und Widersinn, aus der wir uns nur durch das Fallenlassen der offensichtlich unbrauchbaren Behauptung befreien können.

Aber was ist der Determinismus selbst anderes als eine um die Ursachen verkürzte Kausalität? Jene von außen auf eine Sache einwirkende determinierende Kraft, die "vis impressa", bezieht ihre Wirksamkeit doch auch nur aus dem Bestreben einer anderen Sache, sich in ihrem Zustand zu erhalten, ihrer "vis inertiae", womit wir wieder bei Newton sind, der erkannt hatte, daß die Unterscheidung nach "vis impressa" und "vis inertiae" nur eine Sache der Sehgewohnheit ist.

Wenn Einsteins spezielles Relativitätsprinzip lautet: "Die Grundgesetze der Physik besitzen für zwei Beobachter, die sich in geradlinig-gleichförmig gegeneinander bewegten Inertialsystemen befinden, dieselbe Form" (nach E. Schmutzer), so sagt er nichts anderes, als bereits Newton in seinem 1. Axiom formuliert hatte, nur reduziert um die erhellende Begründung, nämlich das dies immer dann der Fall ist, wenn die Systeme kräftefrei, d. h. ohne Einwirkungen von außen sind, bzw. er versteckte diese notwendige Voraussetzung im Ausdruck "Inertialsystem".

Die in Einsteins Physik verborgene, von den Deterministen aber verkannte klassische Mechanik ist es, welche die relativistische immer wieder zu bestätigen scheint. Da es aber an natürlichen physikalischen Objekten in Ermangelung von Bewegungsorganen nichts gibt, woran ein Zustand der Ruhe oder der Bewegung an ihnen selbst unterschieden werden könnte, sondern eine solche Unterscheidung nur bei Lebewesen und Maschinen möglich ist, ist Einsteins auf diesen und anderen objektiv nicht vorhandenen Unterschieden aufbauende spezielle Relativitätstheorie ganz vergebens. Und überhaupt steht Einsteins Theorie auch im Gegensatz zu seinem eigenen, von ihm "Vermutung"(!) genannten "Prinzip der Relativität", mit dem er ganz richtig begann, welches auf der zutreffenden Einsicht gründete, "daß dem Begriffe der absoluten Ruhe nicht nur in der Mechanik, sondern auch in der Elektrodynamik keine Eigenschaften der Erscheinungen entsprechen"? Die objektiv nicht vorhandene Eigenschaft der Ruhe hinderte ihn aber nicht, unentwegt von "Ruhemasse", "Ruheenergie", "ruhenden" Körpern und "ruhenden" Systemen zu sprechen. (A. Einstein "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" in Annalen der Physik, 4. Folge, Bd.17, 1905, S.891ff). Die Frage der Objektivität von Erscheinungen war ihm also durchaus Kriterium, während er nach Mach bei den Phänomenen hätte bleiben sollen, wodurch ihm der besinnungslose Taumel zwischen den Eigenschaften von Relationen, die erst ein Beobachter herstellt, und den Eigenschaften, die beobachterunabhängig zu den Dingen selber gehören, erspart geblieben wäre und damit die aus der unzulässigen Vermischung beider Ebenen sich ergebenden Probleme und "Lösungen" mitsamt ihren Widersprüchen. Denn:

Was nicht Eigenschaft der Erscheinungen ist, also nur im Kopf des Beobachters existiert, bedarf für sein Nichtvorhandensein weder einer realen physikalischen Erklärung, noch ist es einer solchen zugänglich!

Diesem zwingenden Schluß (s. "Das Realprinzip" als Erkenntnisstrategie" Text I/A4) entspricht Einsteins richtige Konsequenz aus seinem im Ansatz zutreffenden "Prinzip der Relativität", daß es auf die Bewegung des Bezugssystems gar nicht ankommt, weshalb die ganze dazwischen liegende Unterscheiderei nach "ruhenden" und "bewegten" Bezugssystemen oder Körpern bei Realaussagen, um die es Einstein durchaus ging, gegenstandslos ist und abgelegt werden kann, womit wir wieder bei Newtons 1. Axiom wären, das zu beherzigen für alle Erklärungen Einsteins völlig ausgereicht hätte.

Weil es keinen in der Sache liegenden Unterschied zwischen "ruhenden" und "bewegten" Objekten gibt, konnte Einstein auch nie ein objektives, d. h. der Sache selbst zugehöriges Unterscheidungsmerkmal benennen, weshalb seine auf nicht existierenden Unterschieden aufbauenden, seinem eigenen Ansatz widersprechenden Folgerungen irreal sind. Diese nüchterne aber grundsätzliche Feststellung, die nicht durch Meßinterpretationen aufgeweicht werden kann, besiegelt unausweichlich das Ende von Einsteins Traum.

In seiner Alterweisheit hätte dieses Erwachen ihn wahrscheinlich am wenigsten überrascht, schrieb er doch 1949 an seine Freund Solovine über sein Lebenswerk: "Da ist kein einziger Begriff, von dem ich überzeugt wäre, dass er standhalten wird, und ich fühle mich unsicher, ob ich überhaupt auf dem rechten Wege bin ..." Welche echten Weiterungen aufgrund der Fruchtbarkeit des Irrtums - dem Kolumbus die Entdeckung Amerikas verdankte, ohne daß er jemals wahrhaben wollte, nicht wie beabsichtigt in Indien gelandet zu sein - die relativistische Physik jenseits ihrer suggestiven Erklärungen gegenüber der klassischen Mechanik bringt, wie z. B. die Erkenntnis von der Trägheit der Energie oder die genauere Erfassung des Gravitationspotentials ausgedehnter Körper, bleibt zu untersuchen und in eine allgemeine postmoderne Theorie zu integrieren.

C. Quantenmechanik und zukünftige Physik

Die Quantenmechanik legte den Grundstein für eine postmoderne Physik (im Sinne von "jenseits von modisch"), indem sie explizit den Beobachter in ihre Aussagen einbezog, dessen Rolle allerdings bereits Newton ausführlich bedachte. Man lese nur in seinen "Principia" die Erläuterungen zu seinen Definitionen und Bewegungsgesetzen. Newton war als Physiker Kausalist und nicht Determinist, wie gern behauptet wird, denn er sah die Dinge sich gemäß den ihnen innewohnenden Kräften entwickeln, auch wenn er diese, gemäß der scholastischen Tradition, nach der Gott alle Dinge in ihrem Sein erhält, als der Materie "eingepflanzt" beschrieb. So denke ich, daß die Quantenmechanik nicht im Gegensatz zu einer systematisch aufbereiteten klassischen Mechanik steht sondern nur ihre notwendige Verfeinerung für den Bereich des Mikrokosmos ist, geht es ihr doch gerade um die genaue Beachtung der Wechselwirkung zwischen physikalischen Objekten, die Gegenstand der klassischen Mechanik war und ist. Doch ist noch viel klarer herauszustellen, daß die Quantenmechanik nicht mehr die Natur beschreibt sondern eine Anweisung ist, wie mit dem notwendig bruchstückhaftem Wissen über die Natur umzugehen ist, soll ein optimales Ergebnis erreicht werden. Es wird noch viel zu wenig gesehen, daß der Unschärferelation keine Eigenschaft der Dinge entsprechen kann - denn sie definiert ja gerade den Bereich, über den wir nichts wissen können - sondern eine Eigenschaft unseres Wissens ist(!), nämlich seine nach unten hin nicht überschreitbare Wissensgrenze. Und Schrödingers Wellengleichung beschreibt nicht die Entwicklung von Quantenzuständen in der Zeit sondern nur die wahrscheinliche Richtigkeit unseres Wissens in Abhängigkeit von der Zeit. Dies hat wohl selbst Schrödinger nicht klar genug gesehen, denn das von ihm ersonnene Problem mit seiner Katze ist gegenstandslos, wenn man die Differenz von Sein und Wissen beachtet: Schrödingers Katze ist physikalisch entweder lebendig oder tot, doch wir können es erst wissen, wenn wir nachschauen. Jeder bestimmte Zustand wird durch eine Beobachtung bestimmt - da gibt es keine Differenz zwischen klassischer und Quantenmechanik. Alle die Probleme, die der Quantenmechanik so gern angehängt werden, sind in Wahrheit - nicht anders wie bei der genau so unverstandenen klassischen Mechanik - die Probleme der Deterministen und Objektivisten mit ihr, die ihre Vorurteile nicht wahrhaben wollen und daher einfach frei behaupten, daß Quanten oder Experimentatoren sich irren müßten, z. B. beim zeitlosen Tunneln (Nimtz, Köln) oder bei Momentaneffekten verschränkter Quanten (Zeilinger, Innsbruck). Lassen wir uns bei der Arbeit an der Wissenschaft vom Zweckgetöse der Ideologen nicht weiter beirren! Ich denke, daß bei konsequenten Bedenken der Beobachterrolle, der Beachtung rationaler Grundlagen und der noch ausstehenden allgemeinen Akzeptanz ganzheitlicher Zustände eine Physik des nächsten Jahrhunderts, wenn nicht Jahrtausends, jenen sicheren Boden unter den Füßen hat, der ihr das Prädikat "Wissenschaft" sichert, ganz gleich zu welchen Sachaussagen die Forschung noch kommt. (Hierzu s. meine Notiz vom Juni 2011 auf I/B5 über das zukünftige Verhältnis von "Gravitation und Quantenphysik" und die Zustimmung eines führenden Physikers.)


Für ein wissenschaftliches Wissen

Wissen wird nur insofern zum wissenschaftlichen und damit nachvollziehbaren Wissen, als es durch die Einhaltung von als "Wissen fördernd" anerkannter Kriterien gewonnen wird bzw. diesen entspricht. So wird das Wissen von Quantitäten durch die Beachtung der Regeln der Metrologie gewonnen, d.h. aufgrund definierter Größen und ihrer definierten Einheiten. Zum Beispiel ist in der Metrologie die Zeit als das Maß der Dauer definiert, ihre Einheit, die Sekunde, als der 86400. Teil des Durchgangs zwischen zwei Sonnenhöchstständen. Zeit kann also nicht gemessen werden, wie viele Physiker glauben, sondern sie ist selbst der Maßstab des Messens, während der Gang einer Uhr - in Abhängigkeit von Randbedingungen des Uhrengangs - die definierten Zeiteinheiten mehr oder weniger zutreffend repräsentiert. Wissenschaftliche Folgerungen müssen ferner penibel den Regeln der Logik und Mathematik entsprechen und dürfen keine Widersprüche enthalten, wollen sie nachvollziehbar sein. Während wissenschaftliche Aussagen anerkannten Kriterien unterliegen und demgemäß richtig oder falsch sein können, sind die Kriterien selbst Setzungen der Vernunft und unterliegen nur der Frage nach ihrer Vernünftigkeit. Nur anhand vernünftiger Kriterien kann ein vernünftiges Wissen gewonnen werden. Wer anerkannte Kriterien abgeändert haben will, ohne Vernunftargumente nennen zu können, nur weil er glaubt, daß von ihm herausgefundene "Tatsachen" dies erfordern, möchte seine Interpretation von Fakten forsch auf Kosten der Vernunft durchsetzen, wogegen sich die Wissenschaft aufs äußerste wehren sollte, um nicht plötzlich bar jeder Vernunft dazustehen und ein Spielball von Ideologen zu sein.


Für eine Physik ohne Metaphysik

Eine zukünftige Physik sollte Physik ohne Metaphysik sein. Die Quantenmechanik machte hier den Anfang, indem sie sich weigerte, Aussagen zu Zuständen zu machen, die nicht beobachtbar sind. Wissenschaft sollte beim Beobachtbaren bleiben - ohne dies gleich wieder zu ideologisieren und daraus eine eigene, die Vernunft einschränkende Weltanschauung zu machen - sondern es gilt, positivistisches Denken als einen unverzichtbaren Teil einer integeren Wissenschaft zu kultivieren.

Am Ende meines Textes über die "Grundlage einer Theorie des Messens" traf ich die Feststellung, daß letztlich jede Wahrnehmung ein Messen ist, auch wenn nicht jede quantifiziert werden kann. Insofern gibt es keine prinzipielle Differenz zwischen der wissenschaftlichen und unserer persönlichen Praxis, nur daß der Wissenschaftler mit diesem Umstand bewußt umzugehen hat, was ihm eigentlich nicht schwer fallen sollte. Die als Maßstab des Messens dienenden physikalischen Größen sind durch Definition der Größe und ihrer Einheit präzisierte Werkzeuge unseres ständigen messenden Wahrnehmens, d.h.: wir haben es immer nur mit den für uns mehr oder weniger zweckmäßigen Größen einer Sache zu tun. Was die Sache hinter unseren Größen ist, können wir daher nicht wissen und uns bleibt nur, die Transzendenz der Realität und die Realität der Transzendenz anzuerkennen. Zu wissen, daß man nicht weiß, was die Dinge für sich selber sind, macht weise und verhilft Fehleinschätzungen und Fehlaussagen zu vermeiden. Die physikalische Größe legt also Zeugnis einer Sache ab, ist aber nicht diese Sache selbst sondern unsere Sicht auf die Sache. Daher ist es auch möglich, immer wieder neue physikalische Größen zu definieren, je nachdem wie sich unsere Sicht und unser Interesse an Sachen ändert. Wir sind es demnach, die für unser Denken und Handeln brauchbare neue Merkmale an die Dinge herantragen, ihnen also neue Bedeutungen verleihen. Ein neues Merkmal beginnt mit einer neuen Unterscheidung, die wir selber treffen, die aber zugleich die Sache auch hergeben muß, ohne darin zwangsläufig aufzugehen.

Darüber hinaus ist Messen immer auch eine Wechselwirkung mit der zu messenden Sache. Es wäre daher unwissenschaftlich zu sagen, daß die beim Meßvorgang aufscheinende Eigenschaft einer Sache auch ohne Wechselwirkung existiert, denn dann würden wir wieder eine über unsere Erfahrung hinausgehende Aussage treffen, also wiederum eine metaphysische. Wenn wir die Sonne sehen, wechselwirken wir aber nicht mit der Sonne, sondern nur mit ihrem Schein, der uns in Form von elektromagnetischen Strahlen erreicht, die dabei absorbiert werden, was uns vernünftigerweise auf die Existenz der Sonne schließen läßt, denn es wäre unsinnig vom Schein zu sprechen ohne anzunehmen, daß da etwas erscheint (Kant). Wenn Atome nicht selber strahlen, muß der Forscher Strahlen einsetzen, um ihre Struktur zu erforschen, die dabei gestört, wenn nicht gar zerstört wird (während das radioaktive Atom sich von sich aus verändert und dadurch strahlt). Die Berücksichtigung dieses Umstands führte zur Entwicklung der Unschärferelation, die ein dem Gegenstand der Forschung angemessene Interpretation erlaubt, weshalb sich die Quantenmechanik in so einzigartiger Weise bewährt. (Und ich werde nie verstehen, was an diesem ebenso einfachen wie logisch zwingenden Umstand angeblich so schwer zu begreifen sein soll, außer man ist ideologisch völlig verblendet.) Wir haben es also nicht nur mit dem Schein einer Sache zu tun sondern sogar immer nur mit der Wechselwirkung mit diesem Schein.

Aber es kommt noch schlimmer. (Aber nur für die eingeschworenen Metaphysiker unter den Forschern, die Forschung als Versuch verstehen, vorhandene "natürliche", d.h. ungeprüfte Überzeugungen plausibel zu machen, dabei die Gutmütigkeit oder Indolenz ihrer Mitwelt austestend. Aber man nehme ihnen einmal ihre aus metaphorischen Beschreibungen entwickelten eingebildeten Gegenstände weg, wie "gebogene Räume", und sehe, was ihnen dann noch zu "beweisen" bleibt.) Was wir messen sind Phänomene, die bei der Wechselwirkung mit der Sache oder ihrem Schein auftreten und die unsere Art der Wahrnehmung voraussetzt. So setzt die Wärme einer Sache ein Wärmeempfinden voraus, ohne daß daraus auf die Existenz eines Wärmestoffes geschlossen werden kann, sondern man sagt, daß Wärme ein Aspekt der Molekularbewegung einer Sache ist. Ähnlich sind Geräusche ein durch die Ohren ermöglichter Aspekt einer in Schwingung versetzten Luft, und die Messung der Masse setzt immer die Masse eines Messenden oder einer messenden Sache voraus, ohne daß gesagt werden kann, was die Masse außerhalb von Wechselwirkungen ist. Mit Hilfe solcher durch die Sinne und unsere geistigen und physiologischen Fähigkeiten gegebenen Aspekte, wie z.B. auch mittels der Zeit, bei der uns das Erinnerungsvermögen ermöglicht, den Dingen zeitliche Aspekte zu geben wie Abfolge, Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit und Dauer, gehen wir mit der Wirklichkeit um - was wiederum äußerst vernünftig ist, denn dieser Aspekte und ihrer Voraussetzungen sind wir mächtig. Letztlich ist es Erfahrung und Vernunft, die uns aus der Fülle der Erlebnisse und ihrer Interpretationsmöglichkeiten die angemessensten auswählen lassen - oder ihr Fehlen bzw. Ignorieren, durch die wir angemessene Deutungen verpassen. Als Philosoph wünscht man sich daher ganz dringend, daß auch die Wissenschaftler insoweit Philosophen sind, als sie Erscheinungen und Aspekte nicht gleich für die Sache selber nehmen. Erkenntnisprobleme sind vor allem die Folge eines dem Forschungsgegenstand unangepaßten Denkens, das heute mehr verbreitet ist, als die meisten auch nur ahnen. Oder wie Einstein in seiner Altersweisheit sagte: "... daß wir von einer tiefen Einsicht in die elementaren Vorgänge viel weiter entfernt sind, als die meisten Zeitgenossen glauben." (C. Seelig Albert Einstein, Europa Verlag Zürich 1960, S.397)

Ich möchte Einstein da ergänzen: Die elementaren Vorgänge, von deren tiefen Einsicht wir am weitesten entfernt sind, sind die Wege unseres Wahrnehmens und Denkens. Dabei sind sie m.E. nicht einmal schwer zu verstehen, doch sind die meisten Zeitgenossen aufgrund ihrer Ideologie gehindert, sie zu akzeptieren. Ich sehe es sogar so: Im Grunde weiß die Wissenschaft heute schon prinzipiell alles, was zum grundlegenden Verständnis der Dinge nötig ist. Es fehlt ihr weder an Forschern noch an Fakten. Doch wegen ihrer ungeprüften Grundüberzeugungen fehlt es den Wissenschaftlern viel zu oft am Verständnis des vorhandenen Wissens, wie der wenig verständnisvolle Umgang mit der klassischen und der Quantenmechanik und wie die maßlose Überschätzung der relativistischen belegt. Darum wäre die Förderung des Wissensverständnisses durch Förderung des Selbstverständnis, als der größten, bisher nur wenig erschlossenen Quelle des Wissens, jede Anstrengung wert, während dagegen weitere Detailforschung - außer vielleicht in der Genanalyse und der Kosmologie - wahrscheinlich nur noch Marginales zutage bringen wird.


Für mehr Objektivität in der Wissenschaft

Jedes Objekt ist für sich ein Subjekt. Wer "objektiv" sein will muß sich zu allererst darüber klar werden, daß es "objektiv", d.h. in der Sache selber liegend, gar keine Objekte gibt, sondern nur Subjekte, was den meisten schon schwer fallen wird zu akzeptieren, da es für sie eine ungewohnte Weltsicht bedeutet. Aber ein Subjekt wird erst dadurch zu einem Objekt, daß ein anderes Subjekt sein (beutegreiferisches) Interesse auf es wirft und mit ihm mental oder/und handelnd selbstbezogen umgeht. Man wird bestimmt nicht dadurch "objektiv", daß man Erscheinungen gleich für die Sachen selber nimmt und eine Differenz von Schein und Sein leugnet, was heute die verbreitetste Methode angeblicher "Objektivierung" ist. Dabei ist der Beobachter selbst die Ursache der Differenz von Sein und Schein (was er aber nicht wahr haben will), weshalb jede Erscheinung und jedes Modell der Welt eine Mischung objektiver und subjektiver Elementen ist (s. meine diversen Ausführungen in dieser Homepage). Nach meinem Verständnis ist eine verläßliche Objektivierung vor allem dadurch möglich und geboten, daß man die subjektiven Elemente einer Erscheinung und ihrer Deutung soweit wie möglich aufklärt. "Der Weg zur objektiven Erkenntnis geht allein durch das Bewußtwerden der Subjektivität in unseren Erkenntnismethoden" (H. Reichenbach). Das wird zwar nicht immer zur Folge haben, daß man auf sie verzichten kann, wie z. B. auf Relationen, die uns mögliche zukünftige Ereignisse berechenbar werden lassen, die aber selbst nicht wirklich, weil z. Zt. nicht wirkend sind. Doch man kann die subjektiven Elemente erkennen und man kann lernen, mit ihnen in möglichst unschädlicher Weise umzugehen. Wer durch banale Uhrenvergleiche beweisen will, daß es eine objektiv existierende und manipulierbare Zeit "gibt", obgleich die Zeit die Ordnung der "unserer Erinnerung zugänglichen Einzelerlebnisse nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des 'Früher' und 'Später' ist," (A. Einstein in "Grundzüge der Relativitätstheorie", Vieweg), versucht gerade umgekehrt, den Schein zum Sein zu verhelfen, was aber auf die Dauer nicht gut gehen kann und uns gerade hindert, die Vorgänge in der Natur angemessen zu verstehen und zu beschreiben.

Das einzig wahre Relativitätsprinzip kann doch nur lauten, daß es für die Natur gleichgültig ist, wie Menschen sie sehen, ob sie nun die Sonne, wie einen Affen, als "ruhend" oder "bewegt" ansehen, wo sie doch tatsächlich nichts anderes tut, als in ihrem Zustand zu verharren, soweit sie dabei nicht von ihren umlaufenden Planeten gestört wird (Newton, 1.Axiom). Wir können die Objektivität in der Wissenschaft am entschiedensten fördern, wenn wir die unvermeidlichen, die Realität an unser Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsvermögen adaptierenden subjektiven Elemente des Wissens (wie hier: die am Lebendigen geübte Sehgewohnheit) erkennen und berücksichtigen. Mehr Objektivität heißt in erster Linie: die Subjektivität meistern.

Ihre heutige Verdrängung, z. B. durch den hartnäckigen Versuch, Daten als "Informationen" zu handeln, die jedoch erst durch die Interpretation von Daten entsteht (was man wissen muß, will man die Möglichkeit der künstlichen Intelligenz (KI) realistisch abschätzen), geschieht, um den Schein eines ebenso eitlen wie trügerischen Bildes objektiver Wissenschaft zu erzeugen. Es ist der Weg aus der Wissenschaft heraus, den wir in einigen Bereichen schon viel zu weit gegangen sind.

Objektivität ist nicht etwas, zu was man sich einfach entschließen kann. Der Entschluß "Ab sofort bin ich objektiv!" bewirkt noch gar nichts, wenn man sich nicht um die Einhaltung rationaler Grundlage und die Aufklärung der subjektiven Elemente des Denkens bemüht. Auch der verbohrteste Objektivist wird behaupten, daß er "ganz selbstverständlich" "für wissenschaftliches Wissen", "für eine Physik ohne Metaphysik", "für mehr Objektivität in der Wissenschaft", ja sehr wahrscheinlich sogar "für eine zeitgeistfreie zukünftige Physik" ist, weil es dagegen keine vernünftigen Argumente geben kann, bei der Gretchenfrage aber, "Nun sag', wie hast du's mit dem Beobachter?", was die Frage nach der metaphysischen Grundüberzeugung ist, sofort Ausreden zur Hand haben wird. Lippenbekenntnisse allein genügen eben nicht und bewirken nichts und wir sollten auf sie nichts geben, wenn der Befragte nicht willens oder fähig ist, an den rationalen Grundlagen mitzuarbeiten sowie die Beobachterrolle ohne Wenn und Aber aufzuklären und zu beachten.

Der in seiner Rolle erkannte Beobachter ist die ins Bewußtsein gehobene und gemeisterte Subjektivität.

Diese Einsicht ist überhaupt nicht neu sondern geradezu der Impetus allen Philosophierens, sagte doch schon Laotse: "Andere erkennen ist klug, sich selber erkennen ist weise". Gerade die Fülle des wachsenden Wissens läßt uns immer leichter übersehen, daß die Aufklärung der es bedingenden Rolle des Beobachters noch immer das Problem ist. Und je nach Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Rolle steht oder fällt eine über alle Moden stehende zeitlos gültige Physik.


Ausblick

Trotz meiner intensive Auseinandersetzung mit Problemen der Physik geht es mir aber letztlich nichteinmal um diese, die mir mehr ein Spiegel allgemeiner Ratlosigkeit ist, was Wissenschaft ausmacht, sondern um Fortschritte in der menschlichen Selbsterkenntnis, die unverzichtbar sind, wollen wir die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Darum ist es so wichtig, für die Vernunft zu streiten, aber auch und gerade in der Physik! Während sie heute durch ihre innere Zerrissenheit - klassische Mechanik, relativistische Mechanik und Quantenmechanik existieren vom jeweiligen Zeitgeist ihrer Entstehung geprägt ohne geistiges Band nebeneinander - die einst führende Rolle zu Recht mehr und mehr an die Biologie und Informationswissenschaft verliert (die Physik soll in Deutschland sogar aufhören, Pflichtfach für Abiturienten zu sein), könnte sie durch eine konsequente Hinwendung zu einer zeitgeistfreien Postmoderne wieder zu jenem Inbegriff von Wissenschaft mit Vorbildfunktion werden, der ihr solange zur Zierde gereichte. Freilich ohne den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (Kant) und Denkfehler beim Namen zu nennen, wird ihr dies nicht gelingen.

Das Schlimmste, was der Physik daher passieren kann, - wohin ich aber die Entwicklung treiben sehe - wäre, wenn ein neuer Oberschlaumeier der deterministischen Fraktion daherkäme, der - ohne Beseitigung der alten zeitgeistigen Elemente, in einem neuen Zeitgeist von political correctness mit dem angeblich menschenfreundlichen Verbot, Strittiges auch nur beim Namen zu nennen, geschweige es aufzuklären - in blendender Manier alles mit viel mathematischer Sauce zu einer grauen Einheitstheorie vermengte, die den übrigen Physikern das trügerische Gefühl gäbe, ihre Verantwortung für ein rationales Weltbild (endlich) los zu sein. Der endgültige Abstieg der theoretischen Physik von einer Säule der Aufklärung zu einem Spielball der Ideologen wäre dann unvermeidlich.

Ich frage mich daher, ob mit der Rehabilitierung Galileis sich die katholische Kirche nicht schon in "weiser" Voraussicht auf diese anscheinend nicht mehr abzuwendende postaufklärerische Physik eingestellt hat, um sie ggf. für sich vereinnahmen zu können. Es gibt genügend "Wissenschaftler", denen - bewußt oder unbewußt - die Physik in erster Linie der "Erfahrbarkeit Gottes" dient. So nehmen die Theologen, die da viel sensibler sind, Einstein schon längst als Kronzeugen der Metaphysik in Anspruch, denn Einstein wollte immer hinter die Dinge sehen und, wie sie, - mit Hilfe der Physik - jene Überzeugungen beweisen, auf die er glaubte, nicht verzichten zu können.

Aber weder die Physik noch andere Wissenschaften oder die Philosophie sollten die Magd weltanschaulicher Interessen sein und ihnen beflissen die Schleppe hinterhertragen.
Der Geist der Lauterkeit bleibt dabei allemal auf der Strecke
.


(s. hierzu auch die Widmung dieser Seiten und den Verhaltenskodex der DPG auf I/B1)

Flucht ins Blaue

Wenn man Substanzen so sehr verdünnt, daß sie garantiert nicht mehr nachweisbar sind, und wenn man Anomalien oder hypothetischen Gegenständen, wie Strings, von solcher Winzigkeit annimmt, daß sie zuverlässig nicht wahrgenommen werden können, dann bereitet man sich die Wirklichkeit so zu, daß sie wieder eine Sache des Glaubens wird. Und dann erscheint alles möglich, was vorher sich so hartnäckig nicht bestätigt hat. Aber auch beim so beliebten Spekulieren über schon definitionsgemäß Unkontrollierbares, wie über das Innere "schwarzer Löcher", sehe ich diese Flucht ins Blaue aus und vor einer spröden Wirklichkeit, die sich naiven Vereinnahmungsversuchen nicht fügt. Die Bezeichnung "ironische Wissenschaft" scheint mir da noch ziemlich wohlwollend zu sein.

© HILLE 1997


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