Was ist Philosophie?



"Was sich bestimmt ausdrücken lässt,
das muss von innen heraus kommen
und von seiner inneren Form herleiten."
(Meister Eckhart)

Das Geistige des Menschen ist die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt. Ihrer Natur nach ist Philosophie das Ringen um die Freiheit des Geistes, d.h. frei sein zu wollen von Wissensillusionen und Doktrinen, die Menschen hindern, die Welt angemessen zu verstehen. Wer auf diese Weise frei ist, wird ein Weiser genannt. Philosophie ist also nicht schon diese oder jene mehr oder weniger kluge Weltinterpretation, sondern im Kern das ehrliche Bemühen, um die Lauterkeit des Verstehens, ohne Rücksicht auf Erwartungen und Erfolge. Das ist für mich die Philosophia perennis, das immerwährende intensive Bemühen um die Klarheit des Denkens, ausgehend vom Bemühen um die Klarheit der verwendeten Begriffe. Dass man also weiß, wovon man überhaupt spricht. Philosophie wird seit altersher deshalb zurecht "als Liebe zur Weisheit" definiert.

Auf diesem kritischen Weg bin ich zu der Einsicht gekommen, dass alles Verständnis auf dem Selbstverständlichen beruht, das uns unmittelbar einsichtig ist wie 1 + 1 = 2. Verstehen kommt also nicht von außen, sondern aus uns selbst, aus dem Unbewussten, das ein rationales Organ ist, das überschätzte Bewusstsein dagegen nur sein Kontroll- und Korrektivorgan. Denn wer schon Selbstverständliches nicht versteht - was will er dann verstehen? Zum Selbstverständlichen gehört die Einsicht, dass es keine Wirkung ohne Ursache gibt. Wo es bei Unbelebten an Ursachen fehlt, verharren die Dinge von sich aus in ihrem Zustand (Newton, 1. Axiom). Bei Belebtem sind es dagegen die eigenen Bedürfnisse und Motive, die es antreibt, da es aus eigenem Grunde lebt und wirkt. Diesen Unterschied zwischen Unbelebten und Belebten gilt es in der Wissenschaft stets zu beachten. Doch das Sein selbst ist einfach da, ohne Warum und Wozu. Das zu verstehen nennt man "Seinsverständnis". Es ist noch wenig verbreitet.

Schwerpunkt meines Philosophierens ist die Erkenntnistheorie, die in einer Theorie des Verstehens aufgeht. Wissen wir, warum wir eine Aussage für wahr halten und warum wir etwas zu verstehen meinen, werden wir Herr im eigenen Haus und können kritisch mit Meinungen umgehen. Kennen wir die Prämissen unserer Urteile nicht, bleiben wir ihnen ausgeliefert. Das Suchen nach Ursachen und Gründen ist als Schritt in der Evolution in uns angelegt. Am besten erkennen wir ihn am hartnäckigen Warumfragen der Kinder. Wir sollten sie ernst nehmen. Es ist keine Schande, mal etwas nicht zu wissen, sondern sollte Anregung sein, möglichst zusammen mit dem Kind darüber nachzudenken.

Wollen wir den Charakter unseres Philosophierens tiefer verstehen, gilt es in der Erkenntnistheorie die Ergebnisse der Hirnforschung zu berücksichtigen, was man Neurophilosophie nennt. Hierbei ist grundlegend, dass das Gehirn aus zwei Hälften besteht, die durch einen Balken, dem Corpus Colossum, verbunden sind. Die Hirnforschung hat nun herausgefunden, dass die Erfahrung und das Wissen kompakt in der rechten Hirnhälfte gespeichert sind, während die linke Hälfte versucht, dieses Wissen zu verknüpfen und in nachvollziehbaren Sätzen zu formulieren. Sie ist also für das Denken und die Sprache zuständig. Das heißt, das Hirn ist ein selbstreferentielles System. Die "Wahrheit" einer Aussage bezieht sich nämlich immer auf das jeweils zur Verfügung stehende Wissen oder was aus ihm gefolgert werden kann. Es gibt keine Wahrheitsinstanz außerhalb unseres Wissens. Niemand wird doch ehrliche Urteile über etwas fällen können oder wollen, von dem er nichts weiß! Und prüfen wir einen Sachverhalt, dann verursacht nicht dieser ggf. ein neues Urteil, sondern wir bilden uns ggf. ein neues Urteil, das mit unserem sonstigen Wissen konform geht. Wir sind also selbst verantwortlich für das, was wir denken und sagen, was für viele instinktiv ein unbequemer Sachverhalt ist, dem sie gern auskommen möchten, weshalb es so viele Ausreden, auch als Philosophien gibt. "Philosophie ist Aufklärung - aber gerade auch Aufklärung gegen den Dogmatismus ihrer selbst." (Hans-Georg Gadamer, aus seiner Selbstdarstellung) Das ist die Geschichte der Philosophie. Die Geschichte der Weisheit ist noch ungeschrieben.

Es stellt sich natürlich die Frage, warum die Freiheit des Geistes so schwierig zu erlangen ist. Antwort: Weil das Hirn sie nicht will. Es hat als sehr altes Organ kein Vertrauen in seinen Besitzer. Oder wie es Jürgen Krüger formulierte: "Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen. Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit, mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß." Und warum tut es das? Um auf Grund des mehr oder weniger zufälligen Wissens sich ergebende Plausibilitäten ungestört als "objektive Wahrheiten" erscheinen lassen zu können, weil das im praktischen Leben der Fitness dient. Wenn man es aber durchschaut hat, arbeitet es durchaus mit einem zusammen, wie ich erfahren konnte. Man bewegt sich dann im Denken auf einer anderen Ebene. Wichtiger z.B. als zu verstehen was einer sagt kann sein zu verstehen, warum er das sagt was er sagt, also das verborgene Motiv seines Sagens zu erkennen, das dem anderen vielleicht nichteinmal selbst bewusst ist. So bleibt man souverän.

Andere erkennen ist klug, doch sich selber erkennen ist weise.  (Laotse)



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