Parmenides im Klartext

Interpretation der "Proömium" genannten Einleitung seines Lehrgedichts "Über das Sein"
(von mir "Die Eigernordwand der Philosophie" genannt)

mit  Parmenides 2006 in Torino (Turin)
und  Parmenides 2014 im TV - "Elea - eine atemberaubende Entdeckung"


veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 1/1997


Die Ausgangslage
Wenn man einmal erkannt hat, daß es sich bei dem Lehrgedicht des Parmenides (um 540-480 v.Chr.) um ein erkenntniskritisches Werk handelt, lernt man - mit dem Wachsen des eigenen Verständnisses, welche Wege das Denken geht - seinen Inhalt immer mehr in sich stimmig zu deuten. Die Deutung des Gedichts gelingt m.E. umso besser, je mehr man sich seiner erkenntniskritischen Radikalität anschließt. Die Einleitung des Gedichts, das Proömium, ist eine Umschreibung dessen, auf welchen Wegen Parmenides zu seinen Erkenntnissen kam: Da waren "vielverständige Stuten", die ihn trugen, zugleich jedoch "den Wagen ziehend mit gewaltiger Kraft". Da gab es "Jungfrauen", "Sonnenmädchen", die "den Weg wiesen" und "vom Haupt weg mit den Händen die Schleier stoßend" den "wissenden Mann" vor "das Tor der Bahnen von Tag und Nacht" führten, das ein "ätherisches", also ein geistiges war, hinter dem, wie er nach dem Öffnen sah, ein Abgrund gähnte. Das herausgehoben realistisch beschriebene Tor war der unerbittlichen Dike, der Göttin der Rechtsprinzipien unterstellt, auf die die Jungfrauen in besänftigender und überzeugenden Weise einreden mußten. Daraufhin wurde dem Eleaten das Tor geöffnet und die "Sonnenmädchen" lenkten hindurch "Wagen und Stuten". Am Ende des Weges, "der weitab vom üblichen Pfad der Menschen liegt", wird Parmenides vertrauensvoll von einer namenlosen Göttin mit Handschlag begrüßt, die ihm sagte, was nicht bezweifelt werden kann, was von üblicher menschlicher Meinung, die sich auf den Anschein verläßt, gehalten werden muß und wie es um die Dinge der Welt bestellt ist.

Hier nun meine Erklärung der als "Himmelfahrt" angesehenen geistigen Fahrt zu den Quellen der Weisheit: Die kraftvollen "vielverständigen Stuten, die ihn trugen", "den Wagen ziehend mit gewaltiger Kraft", sind die aus dem Unbewußten auftauchenden Intuitionen. Themis und Dike lehrten ihm "das rechte Bedenken" der Intuitionen nach anerkannten Grundsätzen. Die Jungfrauen/Sonnenmädchen sind die zum Licht, zur Erleuchtung drängenden geistigen Kräfte - sein "Begehren" genannt - des nun um den richtigen Weg "wissenden Mannes". Der Wagen, den die Stuten zogen, war das seiner selbst bewußt gewordene Denkorgan, "das Haupt", dem dadurch der Schleier genommen wurde (es wußte nun, warum es so urteilte, wie es urteilte). Die "wirbelnden Räder", "zu beiden Seiten" des Wagens Achse waren die Ohrwirbel, die vernehmen. Was aber vernehmen sie "schrill": die Meinungen (doxa) der Sterblichen, die in Dissonanz zum rechten Bedenken stehen. Die namenlose Göttin war die eingeborene Autorität, die eifersüchtige Hüterin des Weltverständnisses (das sie aus der eigenen und in der Geschichte des Lebens gesammelten Erfahrung generiert). Sie verkörpert die größtmögliche Referenz, auf die wir rekurrieren können. Und sie ist es, die aus ihrem Verständnis die Erkenntnisse gebiert, die von den Intuitionen ins Bewußtsein getragen werden, denn Erkenntnis ist das ins Bewußtsein gehobene Weltverständnis. Die Intuitionen werden sodann vom "rechten Bedenken" kontrolliert und "gelenkt". "Die Bahnen von Tag und Nacht" schließlich, die Parmenides am ätherischen, dem geistigen Tor verließ, waren die des antagonistischen Denkens, das überall unüberbrückbare Gegensätze sieht, die aber nicht in den Dingen selber liegen, so wie die Dunkelheit nicht der Gegensatz sondern nur der Grenzfall der Helligkeit ist. Der Abgrund, der sich beim Öffnen des Tores zeigte, war der zwischen der Wahrheit und den "Meinungen der Sterblichen, denen keine wahre Verläßlichkeit innewohnt". Man kann auch sagen: Er ist die Differenz zwischen Schein und Sein, für die menschliches Wahrnehmen und Denken die Ursache ist. Schein und Sein zu unterscheiden ist das Anliegen des Lehrgedichts, wie diese Unterscheidung überhaupt das Anliegen der Eleaten war, weshalb der Reclamtitel "Über das Sein" zu Recht gewählt wurde. Ich nenne es den Weg "Vom Schein zum Sein", wie ihn das Proömium schildert, denn so Parmenides in Frag.8, Z.35 u. 36: "Denn nicht ohne das Sein wirst Du das Erkennen finden, wenn es denn von Bestand sein soll."

Letztlich beschreibt das Lehrgedicht ein gelungenes Zusammenspiel der bewußten und unbewußten kognitiven Kräfte, wie immer wir sie auch nennen, dessen geglücktes Ergebnis als "Wahrheit" empfunden wird (= das Gleichgewicht zwischen dem impliziten Wissen der rechten Hirnhälfte und dem expliziten Wissen der linken Hemisphäre): als ausgewogen und der zu beurteilenden Sache angemessen. Daher war Parmenides überzeugt in Gestalt der Göttin sagen zu dürfen: "Diese (antagonistische) Weltordnung und ihre Entfaltung künde ich dir in der Scheinhaftigkeit ihres Wesens, so daß keines Menschen Meinung dich je überholen wird." Ich denke, daß wir ihm auch darin folgen können. Für mich ist er der Philosoph und Wissenschaftler, der aus der Zukunft kommt - die Göttin nannte ihn daher, unabhängig von seinem biologischen Alter, ausdrücklich "Jüngling", ewiger Jüngling eben, denn er hat Probleme angesprochen und Wege des Denkens aufgezeigt, die es immer geben wird und die wir erst noch bemerken müssen. Hans v. Steuben schreibt in seiner ausführlichen Untersuchung über Parmenides und seine Rezension: "Die meisten Studien (über Parmenides und sein Gedicht) sind denn auch offensichtlich von dem Bewußtsein getragen, daß Parmenides uns Probleme aufgegeben hat, die auch noch unsere Probleme sind." Ich denke, es ist in erster Linie das Problem menschlichen Selbstverständnisses und die zentrale Frage aller Wissenschaft, wie wir zu einem Wissen kommen können, das Bestand hat.


Grundlagen des Projekts
Aufgrund der vorausgegangenen Überlegungen wird eine Nachdichtung der Einleitung im Klartext versucht. Vorlage waren drei z. T. recht unterschiedliche Übersetzungen (s. Quellenangabe). Mit Hilfe des Sinnzusammenhangs und des sparsamsten Ausdrucks, den ich vor allem bei Kurt Riezler fand, versuchte ich über den Sinnzusammenhang dem Original so nah wie möglich zu kommen. Erst hierbei sah ich die große Stringenz des Proömiums, wodurch mir mein Versuch als ausreichend legitimiert erscheint, auch wenn ich kein Alt- noch ein sonstiger Philologe bin. Eine Parallele hierzu ist Carl Dallagos "Versuch einer Wiedergabe des TAOTEKING des LAOTSE" (Verlag Lambert Schneider/Heidelberg, Neudruck der 3. Auflage 1953), aus drei ihm vorliegenden Übersetzungen. Diese überzeugt mich auch mehr als die von Sinologen, da ich, wie Carl Dallago, "der Ansicht bin, daß der Sprache dem Rein-Menschlichen wie dem Rein-Geistigen gegenüber erst sekundäre Bedeutung zukommt - insofern die Sprache im Rein-Menschlichen wie im Rein-Geistigen nur Zeichen oder Behelf, niemals Erfüllung sein kann, und es immer Ohren erfordert, die hören, und Herzen, die aufnehmen können ..." nämlich den Sinn des Gesagten. Auch Parmenides Lehrgedicht ist nicht zuerst ein philologisches Problem, sondern ein genuin philosophisches. Es geht in ihm um zwei recht unterschiedliche Wege des Denkens, mit der Realität umzugehen. Maturana würde sagen: es handelt sich um den Unterschied zwischen der Realität ohne Gänsefüßchen und der Realität mit Gänsefüßchen. Ich sage klar heraus: es geht um die Differenz zwischen Schein und Sein, für die der Beobachter die Ursache ist.

Wie der Beutegreifer "Mensch" als Kind lernen muß, Mein und Dein zu unterscheiden, will er mit seinesgleichen in Frieden leben, so muß er als Erwachsener durch liebende Hinwendung an das Nicht-Ich lernen, Schein und Sein zu unterscheiden, um mit der Welt dieses Planeten Frieden schließen zu können. Denn der Schein ist dasjenige, mit dem er sich die Welt nach eigenen Erfordernissen geistig angeeignet hat und auf den hin er mit ihr selbstbezogen umgeht.

Der Schein, auf den hin er mit seinem Forschungsgegenstand umgeht, nennt der Naturwissenschaftler "Modell", das sein Verständnis einer Sache spiegelt und auf das hin er seine Überlegungen anstellt. Schon Wilhelm von Ockham sah dies so¹:

"Die Interpretation: Zum Verständnis des Gesagten muß man wissen, daß jedes Wissen sich auf einen Satz oder auf Sätze bezieht. Und so wie Sätze durch das Wissen gewußt werden, ebenso gehören die Satzteile, aus denen Sätzen zusammen gesetzt sind, zum Bereich des Wissens (und nicht zum Bereich der Natur: s. die Quantenmechanik).

Universalia: Die Sätze aber, welche durch die Naturwissenschaft gewußt werden (also nicht durch Anschauung in direkter Erfahrung), sind nicht aus sinnlichen Dingen oder Substanzen zusammengesetzt, sondern aus Intentionen oder Begriffen der Seele, welchen solchen Dingen gemeinsam sind. Und daher handelt, im eigentlichen Sinne, die Naturwissenschaft weder von vergänglichen und werdenden Dingen noch von natürlichen Substanzen, noch von beweglichen Dingen, denn solche Dinge sind in keinem durch die Naturwissenschaft gewußten Satz Subjekt oder Prädikat. Im eigentlichen Sinne handelt die Naturwissenschaft von den solchen Dingen gemeinsamen Intentionen der Seele, die in vielen Sätzen eben für diese Dinge stehen, z.B. Lebewesen ist die Gattung des Menschen und (der) Tiere."
¹Wilhelm von Ockham: Prolog zum Physikkommentar, dt. v. Ruedie Imbach in: W.v.O: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, lt./dt. hg., übers. u. komm. v. R. Imbach, Stuttgart, Reclam, 1984, 205f. Fundstelle: Eckhard Keßler, Einführung in die Philosophie der Renaissance, Skript der Fachschaftsinitiative Philosophie der Universität München, Dez. 96. Klammerausdrücke vom Autor

Solche Aussagen gehören zur immerwährenden Philosophie, in der das Geistige, nach meiner Definition die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt (s. Text II/7), zum Bewußtsein seiner eigenständigen Natur kommt und aufhört, sich von mythischen Mächten oder von Objekten der Außenwelt beherrscht zu sehen. Auch die Gegenstände der Naturwissenschaft sind als "Intensionen der Seele" rein geistiger Art und gehen den Namen voraus. Wer verinnerlicht hat, daß wir mental immer nur mit der Bedeutung von Namen umgehen, - das verstand Ockham unter Nominalismus (W. Vossenkuhl) -, der wird Ockhams Gedanken, die Verse des Parmenides, ebenso wie die des Laotse, als zu jener immerwährenden Philosophie zugehörig verstehen, die wegen ihrer zeitlosen Gültigkeit immer dann einleuchten wird, wenn das Geistige seine ihm eigene Natur und Kompetenz erkennt. Ein Modell des Seienden ist eben nicht das Seiende, wie es für sich selber ist, das immer nur als ein Einzelnes auftritt, sondern es gibt bestenfalls Aspekte von Seiendem wieder (sofern das Seiende diese objektiv hergibt), die wir aber trotzdem immer selbst an die Dinge herantragen. So ist die Frage nach dem Seienden alles andere als eine akademische Frage sondern sie hat entscheidend zu tun mit den Fragen, was es heißt "Mensch" zu sein und wie wir mit dem Seienden umgehen müssen, um die Zukunft des Menschengeschlechts zu sichern. Ich denke, wir nehmen entweder die Verantwortung für unser Wahrnehmen, Denken, Reden und Tun wahr oder wir werden am unkontrollierten Egoismus scheitern.


als Quellen benutzte Parmenidesübersetzungen:
Parmenides, Über das Sein, Reclam Bd. 7739, Übersetzung und Gliederung von Jaap Mansfeld, herausgegeben und kommentiert von Hans von Steuben, Reclam Stuttgart 1985
Kurt Riezler, Parmenides, durchgesehen u. ggf. ergänzt von H.G. Gadamer in: Quellen der Philosophie, hrg. von Rudolph Berlinger, Vittorio Klostermann Frankfurt/M 1970
Carl-Friedrich Geyer, Die Vorsokratiker zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1995, mit der Übersetzung von W. Nestle
Allen Übersetzungen liegt das Fragment 28 B der Sammlung vorsokratischer Texte von H. Diels und W. Kranz zugrunde.

Für persönliche Hinweise zum Inhalt des Lehrgedichts in philologischer Hinsicht bin ich den Altphilologen Prof. Dr. Dieter Bremer und seinem Mitarbeiter N.C. Dührsen (Ludwig-Maximilians-Universität München) zu Dank verpflichtet. Dr. Peter Blersch danke ich u.a. für den wichtigen Hinweis, daß es in Zeile 10 nicht "pfeifend" sondern "schrill" heißen muß.
Hier nun der Versuch, das Proömium im Klartext wiederzugeben. Ich schlage vor, den Text zuerst ohne Nachschlagen der Fußnoten zu lesen, zumal der Leser schon vorbereitet ist. In Verse gesetzt erscheint das Proömium noch einmal im Gesamttext in der nachfolgenden Datei II/5b (s. Link unten).

Parmenides in Klartext

von Helmut Hille

Vom Schein zum Sein

I. Das rechte Bedenken

[1] Soweit mein Sinn begehrte, trugen mich die Intuitionen.1 Nachdem Themis1a und Dike1b mich auf dem kundereichen Weg gebracht hatten, der da allein überallhin führt den [nun um den Weg] wissenden Mann, eilte ich auf ihm dahin; auf ihm bewegten mich die vieles deutenden Intuitionen und das rechte Bedenken2 wies mir den Weg.

[6] Den Schein verlassend, vom Haupte zurückgeschlagen die Schleier,3 lenkte mein Begehren zum Lichte die Fahrt, doch was es vernahm,4 klang schrill.5

[11] Da steht das lichte Tor6 am Pfade von Tag und Nacht,6a ein Türsturz umschließt es und eine steinerne Schwelle7 - große Flügeltüren füllen es. Die unerbittliche Dike8 verwahrt den richtenden Schlüssel.

[15] Ihr schmeichelte das rechte Bedenken, so wurde sie überzeugt. Nachdem die Denkbarriere gefallen, sprang auf das Tor und öffnete breit den ansonsten verschlossenen Abgrund [zwischen Schein und Sein], die erzbeschienten Pfosten drehten sich in ihren Pfannen,8a und das rechte Bedenken lenkte gerade hindurch Intuition und Bewußtsein.9

[22] Und die Göttin10 empfing mich, ergriff voll Huld meine Rechte,11 nahm das Wort und sprach: "Jüngling,12 sei gegrüßt! Göttlichen Lenkerinnen gesellt, mit den Intuitionen die dich trugen, meinem Hause nahend. Kein geringes Geschick, sondern Themis und Dike sandten dich, diesen Weg zu gehen, der da außerhalb liegt der von Menschen betretenen Pfade. So sollst du denn alles erfahren: der wohlgerundeten Wahrheit nie erzitterndes Herz und das Scheinwesen menschlicher Setzungen,13 die da ohne Verlaß ist und ohne Wahrheit. Aber dennoch sollst du auch das erfahren, wie das nur nach dem Anschein Gesetzte geltend wird und solche Geltung alles mit ihrem Scheinwesen hat durchdringen müssen."14


Fußnoten
1das in Schüben bewußt werdende implizite Weltverständnis, das dadurch bedacht werden kann.
1aGöttin der Rechtsordnung (das positive Recht)
1bGöttin der Rechtsprinzipien
2ein dem Gegenstand gerecht werdendes Denken nach anerkannten Prinzipien/Prämissen
3die Schleier: das Nichtwissen um die Prämissen von Urteilen, wodurch der Urteilende ihnen ausgeliefert bleibt und von Meinungen (doxa) beherrscht wird
4im Original: "von zwei wirbelnden Kreisen beflügelt" = die auf der Achse des Hauptes sitzenden "wirbelnden Kreise" sind die Ohrwirbel, die für das Vernehmen (der Meinungen) stehen
5schrill = Dissonanz, Unstimmigkeit - Verwirrung, Ratlosigkeit, Krise, Stillstand
6das lichte/ätherische = geistige Tor
6ader Pfad von Tag und Nacht = der übliche Weg des Denkens in antagonistischen Gegensätzen, wie Tag und Nacht, die nicht in den Sachen selber liegen. Zum Beispiel ist die Dunkelheit nur der Grenzfall der Helligkeit. Ohne das Erlebnis "Tag" gäbe es keinen Begriff von der "Nacht".
7die herausgehoben realistische Beschreibung des Tores, obwohl es zuerst "ätherisch" = geistig genannt wird, steht m.E. für die Realität der Transzendenz und die Transzendenz der Realität, die dem antagonistischen Denken verschlossen ist, weil es sich in widerstreitenden Setzungen erschöpft. Aber auch: es ist ein sehr solides Tor, das nicht überrannt, sondern nur mit dem richtigen Schlüssel geöffnet werden kann.
8als Göttin der Rechtsprinzipien besitzt die unerbittliche Dike in Form der Waage den zuverlässigen Schlüssel zur Wahrheit: das Urteilen anhand abgeklärter Prämissen, von mir hier "das rechte Bedenken" genannt.
8aweil Parmenides wichtig: nochmals Hinweis auf die Solidität des Tores. Es bleibt nur der geistige Weg durch Einsicht.
9beschreibt ein geglücktes Zusammenspiel aller kognitiven Kräfte, der bewußten und unbewußten, wie immer wir sie auch nennen
10die Göttin ist namenlos, denn Namen geben Macht über das Benannte. Doch Weisheit kann man nicht zwingen, man kann sich ihr nur öffnen. Die Macht der Weisheit geht von der Göttin aus, weshalb Parmenides die Göttinnen Themis und Dike zugesellt waren und ihn leiteten.
11Die körperliche Berührung verbürgt die Wahrheit, denn der Tastsinn ist der Sinn der Wahrheit, weil er keines vermittelnden und damit möglicherweise verfälschenden Mediums bedarf. Die so erfahrene Wahrheit - die nach Auffassung der Griechen nur den Göttern zukommt - bedarf daher einer göttlichen Verkündigung, und zwar in poetischer Form, denn die Poesie ist die Sprache der Götter.
12von der Göttin wird Parmenides als "Jüngling" bzw. in anderer Übersetzung als "junger Mann" begrüßt, denn der Parmenides, der uns berichtet, ist durch den Mund der Göttin Zeuge und Träger zeitloser Wahrheiten geworden, die nicht altern. Für uns ist er der Philosoph, der aus der Zukunft kommt, denn er hat Fragen beantwortet, die wir erst noch stellen müssen, um uns selbst zu verstehen. Siehe zum letzten Punkt meine Interpretation in III/7 "Die Waage der Welt".
13das Scheinwesen menschlicher Setzungen: Der Schein (Anschein) ist immer auf Seiten des Beobachters, der durch seine Setzungen die Dinge sich anverwandelnd verständlich macht. So entsteht z.B. der Eindruck von Bewegung durch Setzung eines Bezugspunktes, zu dem hin er gemäß seiner am Lebendigen geübten Sehgewohnheit die Lage eines Objekts zu verschiedenen Zeiten unwillkürlich vergleicht, während ein unbelebtes Objekt für sich lediglich in seinem Zustand verharrt (Newton, 1. Axiom).
14Die Doxa sind unser geistiges Modell der Wirklichkeit, anhand derer wir uns orientieren, weshalb wir auf sie nicht verzichten können. Wohl aber können wir ihre geistige Rolle erkennen und sie berücksichtigen und werden so Herr im eigenen Haus.

Die Einleitung konfrontiert uns mit der Entstehung und dem Schlüssel des Lehrgedichts und mit dem daraus abgeleiteten Anspruch auf die Wahrheit der Verkündigung, zu deren Nachvollzug wir aufgefordert sind.

© HILLE 1997-2015
einige Nachbesserungen Sept./Okt. 2004; Jan. 2007 Ergänzungen im 2. und 3. Absatz der "Ausgangslage" und Fußnote 14 neu; Fußnoten 5 u. 10 Nov. 2014 ergänzt; 8a Febr. 2015 neu


Anmerkung 1
Heute (April 2003) verstehe ich die namenlose Göttin, die Parmenides am Ende seiner "Fahrt" begrüßte und ihn aufklärte, als die das Ganze bedenkende höchste Vernunft, die anhand sorgsam abgeklärter Prinzipien ebenso sorgsam und logisch richtig urteilt. Dike, die Parmenides geleitete, ist für mich daher nicht einfach die Göttin der Gerechtigkeit (denn Gerechtigkeit wodurch?), sondern die Göttin der Rechtsprinzipien, die das Maß, also das Kriterium gebenden "vergeltenden" = richtenden Schlüssel verwahrt. Prinzipien, umfassend und sorgsam abgeklärt, als Richtmaß dienend sind es, die Urteile entweder gelten lassen oder verwerfen. Darum spricht Plutarch* in Bezug auf Parmenides auch von den zwei Naturen des Wissens: dem anhand von Prinzipien logisch erkennbaren Wissen, "mit sich selbst identisch und bleibend im Sein", und dem meinbaren Wissen, das auf sinnlicher Wahrnehmung beruht, als "etwas Unzuverlässiges, in vielerart Zuständen und Wandlungen Befindliches", und das sich zudem "jedem andern gegenüber anders" darstellt. Ebenso wichtig wie umsichtig gesammelte Erfahrung ist deren Interpretation anhand abgeklärter Prinzipien, denn weder kann Weisheit ohne Wissen, noch Wissen ohne Weisheit gelingen, wie mein Motto lautet. Als "Doxa", also als bloße Meinung, werden von Parmenides theoretische Aussagen angesehen, die nicht auf abgeklärten Prinzipien beruhen und daher rational nicht nachvollzogen sondern nur geglaubt werden können.
*s. Abschnitt X. der nachfolgenden Datei "Vom Schein zum Sein"

Anmerkung 2
Bis heute (September 2004) habe ich mich und andere immer wiedermal gefragt, z.B. Prof. Simons in München anlässlich seiner Vorlesung zu Parmenides, warum Parmenides nur weibliche Gottheiten zur Seite stehen und er von weiblichen Wesen (die Stuten) getragen und von die Jungfrauen/Sonnenmädchen geleitet und zum Schluss von einer namenlosen Göttin aufgeklärt wird, denn bei Parmenides ist nichts zufällig. Auch bei Goethe heißt es ja ganz am Schluss seines Faust II: "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan", was sicher nichts mit Erotik zu tun hat. Es ist eben so, dass wir uns der Welt auf zweierlei Weise nähern können, der männlichen, nach außen auf Beherrschung drängenden Weise, die sich alles rücksichtslos aneignen will, und auf dem weiblichen Weg der einfühlenden Hingabe aus Liebe, die zu einem innigen Verstehen des Gegenübers führt. Das beste Ergebnis wird allerdings dann erreicht, wenn zur weiblichen Intuition das kritische rechte Bedenken auf Grund abgeklärter Prinzipien dazu tritt, also die Vereinigung der weiblichen und der sublimierten männlichen Weise. Auf diesem Weg kommen wir sowohl zu einem innigen, als auch gerechten, nach Prinzipien abgeklärten Verständnis der Dinge. Das ist Fahrt zur Göttin der Weisheit, die uns Parmenides in seinem Proömium beschreibt.
     Sophia heißt "Weisheit", "Klugheit", "List", "Kunst", meint also etwas geistig Umfassendes und ist in den meisten älteren Kulturen eine weibliche Gottheit oder ein weiblicher Erkenntniszustand, so dass der Philosoph der Liebhaber eines weiblichen Erkenntniszustandes wäre.* Wo Männer sich auf ihre Stärke verlassen, müssen Frauen klug sein, um sich durchsetzen zu können. Darum hat Eva auch vom Baum der Erkenntnis gegessen und besitzt die größere Sprachkompetenz, wie sie überhaupt die Hüterin und Vermittlerin der Sprache als Muttersprache und damit des Menschseins ist. Der Mensch ist von Natur aus schwach, hat keine spezialisierten Organe. Es war die Klugheit, die ihn überleben ließ, die er heute, angesichts seiner inzwischen erreichten Machtfülle, auf die er sich zu gern verlässt, erst wieder entdecken muss, soll diese Macht nicht immer zerstörerischer in die Welt hineinwirken. Auf Erhalt bedachte weibliche Fürsorge für Herd und Familie wird heute für alle Bereiche des Lebens immer wichtiger und sollte weltweit alle Gesellschaften in ihrem Denken und Tun leiten.
*Formulierung der gerade (Okt.04) in Heilbronn in den Räumen der VHS gastierenden, von Annegret Stopczyk-Pfundstein initiierten Wanderausstellung "Philosophinnen - Liebhaberinnen der Weisheit" entnommen.
     Gerade war am 8. Oktober 2004 dieser Absatz mit seinen letzten Ergänzungen aufgrund des Besuchs der Wanderausstellung im Netz, kam aus Oslo die Nachricht: "Das Nobel-Komitee erkennt Wangari Maathai den Friedensnobelpreis 2004 für ihren Einsatz für nachhaltige Entwicklung, Demokratie und Frieden zu. Frieden auf der Welt ist von unserer Fähigkeit abhängig, unsere Umwelt zu schützen. Maathai kämpft, um eine ökologisch verantwortliche soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklung in Kenia und in Afrika zu fördern. Sie hat ein ganzheitliches Bild von nachhaltiger Entwicklung, das Demokratie, Menschenrechte und besonders die Rechte der Frauen einbezieht. Sie denkt global und handelt lokal." (aus der Begründung des Nobel-Komitees*) Diese weise Entscheidung des Komitees ist für mich ein erfreuliches Zeichen des Bewusstseinswandels, dass die Menschenrechte nicht mehr unabhängig von den Rechten der Umwelt gedacht werden können und dass ohne Frieden mit ihr, Frieden nicht möglich ist, denn die Welt ist EIN GANZES. Weibliches Denken und Fühlen muss uns, wie schon bei Parmenides, erfolgreich den Weg weisen, den Zusammenhang allen Seins und die Rolle unseres eigenen Denkens und Tuns zu erkennen. Oder wie es weiter oben schon heißt (Grundlagen des Projekts, letzter Satz): "Ich denke, wir nehmen entweder die Verantwortung für unser Wahrnehmen, Denken, Reden und Tun wahr oder wir werden am unkontrollierten Egoismus scheitern." - Das die Entscheidung von 2004 für eine Frau als Friedensnobelpreisträgerin keine Eintagsfliege war, belegt die weise Entscheidung des Osloer Komitees von 2011 für drei Frauen aus Liberia und dem Jemen, die für Frieden, Demokratie und die Rechte der Frauen gekämpft haben und immer noch kämpfen.
*dpa-Meldung, Fundstelle: Kölnische Rundschau, rundschau-online.de vom 9.10.04

Anmerkung 3
Es sieht so aus, dass nunmehr alle Aspekte des Proömiums geklärt wären, das schon viele Male versucht wurde zu enträtseln,* und wir uns wie Jean-François Champollion im September 1822 nach der Entzifferung der Hieroglyphen fühlen dürfen. Doch schon in der "Endanmerkung" des Gesamttextes auf II/5b wird noch ein Aspekt genannt und taucht eine ultimative doxa-Interpretation auf. So mag es noch weitere Aspekte geben, die ggf. nachzutragen wären. Nachtrag Juni 2007: s. Datei III/7 "Die Waage der Welt", dazu die neue Fußnote 10a des Gesamttextes.
     *In neuerer Zeit z.B. in dem erstmals 1999 erschienen Buch von Peter Kingsley, eines des Altgriechischen mächtigen promovierten Philologen "Die Traumfahrt des Parmenides" über "die mystischen Wurzeln der westlichen Zivilisation" (Krüger Verlag). Für Kingsley sind die 200 Seiten seines Buches aber "erst der Anfang: das erste Kapitel." Sehr wohl aber hat er Parmenides fundamentale Bedeutung erfasst: "Denn was Parmenides bedeutet, kann niemand je aus dem Weg räumen. Es wird immer wieder seinen Weg zu uns zurück finden." (vergl. hierzu meine obige Fußnote 12)

Parmenides 2006 in Torino (Turin)
Als ich im Fernsehen bei der Eröffnungsfeier der olympischen Winterspiele 2006 in Turin sah, wie acht weiß gekleidete berühmte Frauen die große Olympiafahnen gemessenen Schrittes durch das Rund des Stadions trugen, darunter Italiens Filmdiva Sophia Loren vorne links, die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende zwei Plätze dahinter und die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai aus Kenia vorne rechts, meinte ich die Botschaft dieses Auftritts, der nicht nur zum olympischen Frieden, sondern überhaupt zum Frieden unter den Völkern mahnen sollte, spontan zu verstehen, als gingen dort die Göttinnen und Sonnenmädchen des Parmenides, ihn geleitend. Gerade die rechts vorne gehende kenianische Ministerin Wangari Maathai, Friedensnobelpreisträgerin von 2004 (s. Anmerkung 2, Absatz 3) war in der Lage, evtl. bestehende Zweifel an meiner Deutung zu zerstreuen, kämpft sie doch insbesondere für die Rechte der Frauen und damit um den stärkeren Einfluss weiblicher Denkweise in der Politik. Doch dann wurde den Frauen in Turin die Fahne von der Realität in Form von acht uniformierten, im Gleichschritt marschierenden Männern abgenommen - oder sollten dies die unbeirrbar richtenden Prinzipien der Dike sein? Auf alle Fälle triumphierte ganz zum Schluss des gesamten Einmarsches doch noch das weibliche Prinzip in Form der Frauen: das olympische Feuer wurde am Ende von einer Frau wieder einer Frau übergeben, die dann das große Friedenslicht zündete. So war dann m.E. mit diesem Einzug der olympischen Fahne hier der Bogen von Elea in Unteritalien nach Torino in Oberitalien geschlagen, als sollte er Peter Kingsleys Voraussage (s. Anmerkung 3, Absatz 2) bestätigen: "Denn was Parmenides bedeutet, kann niemand je aus dem Weg räumen. Es wird immer wieder seinen Weg zu uns zurück finden." So hat er auch mich tief angerührt und zur Klarheit und Sicherheit verholfen.

Parmenides 2014 im TV  - "Elea - eine atemberaubende Entdeckung"
Man denkt, man ist mit dem Parmenidesthema im Netz ziemlich allein. Nur gelegentlich meldet sich ein beleidigter Altphilologe, der glaubt, dass er als Philologe die Deutungshoheit über den Parmenidestext hätte, obwohl er sonst keine eigenständige philosophische Veröffentlichung vorweisen kann, was im Internet leicht zu recherchieren ist, was die Frage beantwortet, wer von uns der größere Dilettant ist (unter "Parmenides im Klartext" fand ich bei Google unter den ersten zehn Fundstellen 7 von mir). Man sitzt also entspannt vor dem Fernseher, doch was auf einmal kommt da? Auf 3sat im Herbst 2014 (2x) ein Streifzug durch antike Stätten in Unteritalien*, so auch durch das von Archäologen wiederentdeckte und von ihnen "Stein für Stein, Scherbe für Scherbe" ausgegrabene antike Elea (röm. "Velea") in der Region Kampanien, "kaum 50 km südlich von Pästum", was gleich eingangs "Elea - eine atemberaubende Entdeckung" genannt wird. Der Sprecher weiter: "Bis dahin schlief es unerkannt unter den Büschen und Ruinen späterer Bauten. Dieser Ort war, ohne dass man wusste wo er sich befand, den Philosophen aller Jahrhunderte ein großer Begriff: Elea - hier lehrte Parmenides. Und was er lehrte beschäftigt die Philosophie bis heute." Tor von Elea Und es fragte der Berichterstatter, Parmenides Themen aufgreifend: "Was können Menschen wissen? Was ist Sein? Ist Sein endlich? Hat es einen Anfang? Können Menschen etwas über das Nichtsein wissen? Was überhaupt können Menschen wissen??? Um solche Fragen kreist die Philosophie des Parmenides." - Dann ein neues Bild - ein massives Tor: "Dieses Tor (der alten Stadtmauer), heute 'Ponte Rosa' genannt, ist das imposanteste erhaltene Bauwerk Eleas. Es stammt aus dem 4. Jahrhundert vor der Zeitrechnung, ist also etwas jünger als Parmenides. Dennoch denkt man unweigerlich an den Philosophen. Das Lehrgedicht, aus dem wir seine Philosophie kennen, beginnt mit der Fahrt durch ein Tor (Text im Film gegenüber dem Original verkürzt): "Dort ist das Tor der Wege zwischen Tag und Nacht. Dahinter erwartete die Göttin Dike den Denker. Büste des Parmenides in der Apsis des Kirchleins Und freundlich empfing mich die Göttin, ergriff meine Rechte und redete mich an und sagte das Folgende: Jüngling, Gefährte unsterblicher Lenkerinnen, die mit den Pferden die dich fahren zu unserem Haus gelangt bist, heil dir, denn kein schlechtes Geschick sandte dich auf diesen Weg." - Älter als eine zuvor gezeigte Festungsruine aus dem 14. Jahrhunderts "aber schöner" steht auf dem vorspringenden Felsen vor der ehemaligen Küste ein von Mönchen im Hochmittelalter erbautes kleines romanisches Kirchlein aus Naturstein, ordentlich hergerichtet. Und dann sah man unvermittelt dort die Büste des Philosophen (s. Bild). Der Sprecher: "Diese Büste des Parmenides wurde hier in Elea ausgegraben. Sie stammt aus späterer römischer Zeit. Die Römer wussten wer er war und hielten ihn in Ehren. Die Archäologen haben sie (auf einer Stele) ausgerechnet in die Apsis der kleinen kämpferischen Kirche gestellt, Dorthin, wo einst das Kreuz stand. Diesen Kampf hat das Kirchlein wohl verloren. Alles steht, nichts vergeht." - Dieser hier nur in Teilen vorgestellte Film war für mich so überraschend wie beeindruckend, dass ich tief berührt war über plötzlich soviel Gegenwärtigkeit von Parmenides und seiner Stadt und dem verständnisvollen Kommentar, weshalb ich es unbedingt niederschreiben wollte. Und dann noch die Erkenntnis, dass es den Fernsehmachern nicht immer nur um Unterhaltung geht, sondern dass sie auch einen wichtigen kulturellen Auftrag haben, wenn die Nation schon so viel Zeit vor den Fernsehern verbringt.
*Anmerkung: Die Sendung wurde von mir aufgezeichnet, daher war mir die wörtliche Wiedergabe möglich. Später habe ich sie auch in der Mediathek von 3sat unter Sonntag, den 30. Nov. 2014 in der Serie "Italien - Zwischen Natur und Antike" ca. ab Stelle 22:30 min gefunden. Notiz dort: "Online sichtbar bis 29.11.2015 23:59." Sehr empfehlenswert!



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