mit Parmenides 2006 in Torino (Turin)
Die Ausgangslage
Wenn man einmal erkannt hat, daß es sich bei dem Lehrgedicht des Parmenides (um 540-480 v.Chr.) um ein erkenntniskritisches Werk handelt, lernt man - mit dem Wachsen des eigenen Verständnisses, welche Wege das Denken geht - seinen Inhalt immer mehr in sich stimmig zu deuten. Die Deutung des Gedichts gelingt m.E. umso besser, je mehr man sich seiner erkenntniskritischen Radikalität anschließt. Die Einleitung des Gedichts, das Proömium, ist eine Umschreibung dessen, auf welchen Wegen Parmenides zu seinen Erkenntnissen kam: Da waren "vielverständige Stuten", die ihn trugen, zugleich jedoch "den Wagen ziehend mit gewaltiger Kraft". Da gab es "Jungfrauen", "Sonnenmädchen", die "den Weg wiesen" und "vom Haupt weg mit den Händen die Schleier stoßend" den "wissenden Mann" vor "das Tor der Bahnen von Tag und Nacht" führten, das ein "ätherisches", also ein geistiges war, hinter dem, wie er nach dem Öffnen sah, ein Abgrund gähnte. Das herausgehoben realistisch beschriebene Tor war der unerbittlichen Dike, der Göttin der Rechtsprinzipien unterstellt, auf die die Jungfrauen in besänftigender und überzeugenden Weise einreden mußten. Daraufhin wurde dem Eleaten das Tor geöffnet und die "Sonnenmädchen" lenkten hindurch "Wagen und Stuten". Am Ende des Weges, "der weitab vom üblichen Pfad der Menschen liegt", wird Parmenides vertrauensvoll von einer namenlosen Göttin mit Handschlag begrüßt, die ihm sagte, was nicht bezweifelt werden kann, was von üblicher menschlicher Meinung, die sich auf den Anschein verläßt, gehalten werden muß und wie es um die Dinge der Welt bestellt ist.Hier nun meine Erklärung der als "Himmelfahrt" angesehenen geistigen Fahrt zu den Quellen der Weisheit: Die kraftvollen "vielverständigen Stuten, die ihn trugen", "den Wagen ziehend mit gewaltiger Kraft", sind die aus dem Unbewußten auftauchenden Intuitionen. Themis und Dike lehrten ihm "das rechte Bedenken" der Intuitionen nach anerkannten Grundsätzen. Die Jungfrauen/Sonnenmädchen sind die zum Licht, zur Erleuchtung drängenden geistigen Kräfte - sein "Begehren" genannt - des nun um den richtigen Weg "wissenden Mannes". Der Wagen, den die Stuten zogen, war das seiner selbst bewußt gewordene Denkorgan, "das Haupt", dem dadurch der Schleier genommen wurde (es wußte nun, warum es so urteilte, wie es urteilte). Die "wirbelnden Räder", "zu beiden Seiten" des Wagens Achse waren die Ohrwirbel, die vernehmen. Was aber vernehmen sie "schrill": die Meinungen (doxa) der Sterblichen, die in Dissonanz zum rechten Bedenken stehen. Die namenlose Göttin war die eingeborene Autorität, die eifersüchtige Hüterin des Weltverständnisses (das sie aus der eigenen und in der Geschichte des Lebens gesammelten Erfahrung generiert). Sie verkörpert die größtmögliche Referenz, auf die wir rekurrieren können. Und sie ist es, die aus ihrem Verständnis die Erkenntnisse gebiert, die von den Intuitionen ins Bewußtsein getragen werden, denn Erkenntnis ist das ins Bewußtsein gehobene Weltverständnis. Die Intuitionen werden sodann vom "rechten Bedenken" kontrolliert und "gelenkt". "Die Bahnen von Tag und Nacht" schließlich, die Parmenides am ätherischen, dem geistigen Tor verließ, waren die des antagonistischen Denkens, das überall unüberbrückbare Gegensätze sieht, die aber nicht in den Dingen selber liegen, so wie die Dunkelheit nicht der Gegensatz sondern nur der Grenzfall der Helligkeit ist. Der Abgrund, der sich beim Öffnen des Tores zeigte, war der zwischen der Wahrheit und den "Meinungen der Sterblichen, denen keine wahre Verläßlichkeit innewohnt". Man kann auch sagen: Er ist die Differenz zwischen Schein und Sein, für die menschliches Wahrnehmen und Denken die Ursache ist. Sein und Schein zu unterscheiden ist das Anliegen des Lehrgedichts, wie diese Unterscheidung überhaupt das Anliegen der Eleaten war, weshalb der Reclamtitel "Über das Sein" zu recht gewählt wurde. Ich nenne es den Weg "Vom Schein zum Sein", wie ihn das Proömium schildert, denn so Parmenides in Frag.8, Z.35 u. 36: "Denn nicht ohne das Sein wirst Du das Erkennen finden, wenn es denn von Bestand sein soll."
Letztlich beschreibt das Lehrgedicht ein gelungenes Zusammenspiel der bewußten und unbewußten kognitiven Kräfte, wie immer wir sie auch nennen, dessen geglücktes Ergebnis als "Wahrheit" empfunden wird (= das Gleichgewicht zwischen dem impliziten Wissen der rechten Hirnhälfte und dem expliziten Wissen der linken Hemisphäre): als ausgewogen und der zu beurteilenden Sache angemessen. Daher war Parmenides überzeugt in Gestalt der Göttin sagen zu dürfen: "Diese (antagonistische) Weltordnung und ihre Entfaltung künde ich dir in der Scheinhaftigkeit ihres Wesens, so daß keines Menschen Meinung dich je überholen wird." Ich denke, daß wir ihm auch darin folgen können. Für mich ist er der Philosoph und Wissenschaftler, der aus der Zukunft kommt - die Göttin nannte ihn daher, unabhängig von seinem biologischen Alter, ausdrücklich "Jüngling", ewiger Jüngling eben, denn er hat Probleme angesprochen und Wege des Denkens aufgezeigt, die es immer geben wird und die wir erst noch bemerken müssen. Hans v. Steuben schreibt in seiner ausführlichen Untersuchung über Parmenides und seine Rezension: "Die meisten Studien (über Parmenides und sein Gedicht) sind denn auch offensichtlich von dem Bewußtsein getragen, daß Parmenides uns Probleme aufgegeben hat, die auch noch unsere Probleme sind." Ich denke, es ist in erster Linie das Problem menschlichen Selbstverständnisses und die zentrale Frage aller Wissenschaft, wie wir zu einem Wissen kommen können, das Bestand hat.
Grundlagen des Projekts
Aufgrund der vorausgegangenen Überlegungen wird eine Nachdichtung der Einleitung im Klartext versucht. Vorlage waren drei z. T. recht unterschiedliche Übersetzungen (s. Quellenangabe). Mit Hilfe des Sinnzusammenhangs und des sparsamsten Ausdrucks, den ich vor allem bei Kurt Riezler fand, versuchte ich über den Sinnzusammenhang dem Original so nah wie möglich zu kommen. Erst hierbei sah ich die große Stringenz des Proömiums, wodurch mir mein Versuch als ausreichend legitimiert erscheint, auch wenn ich kein Alt- noch ein sonstiger Philologe bin. Eine Parallele hierzu ist Carl Dallagos "Versuch einer Wiedergabe des TAOTEKING des LAOTSE" (Verlag Lambert Schneider/Heidelberg, Neudruck der 3. Auflage 1953), aus drei ihm vorliegenden Übersetzungen. Diese überzeugt mich auch mehr als die von Sinologen, da ich, wie Carl Dallago, "der Ansicht bin, daß der Sprache dem Rein-Menschlichen wie dem Rein-Geistigen gegenüber erst sekundäre Bedeutung zukommt - insofern die Sprache im Rein-Menschlichen wie im Rein-Geistigen nur Zeichen oder Behelf, niemals Erfüllung sein kann, und es immer Ohren erfordert, die hören, und Herzen, die aufnehmen können ..." nämlich den Sinn des Gesagten. Auch Parmenides Lehrgedicht ist nicht zuerst ein philologisches Problem, sondern ein genuin philosophisches. Es geht in ihm um zwei recht unterschiedliche Wege des Denkens, mit der Realität umzugehen. Maturana würde sagen: es handelt sich um den Unterschied zwischen der Realität ohne Gänsefüßchen und der Realität mit Gänsefüßchen. Ich sage klar heraus: es geht um die Differenz zwischen Sein und Schein, für die der Beobachter die Ursache ist.Wie der Beutegreifer "Mensch" als Kind lernen muß, Mein und Dein zu unterscheiden, will er mit seinesgleichen in Frieden leben, so muß er als Erwachsener durch liebende Hinwendung an das Nicht-Ich lernen, Schein und Sein zu unterscheiden, um mit der Welt dieses Planeten Frieden schließen zu können. Denn der Schein ist dasjenige, mit dem er sich die Welt nach eigenen Erfordernissen geistig angeeignet hat und auf den hin er mit ihr selbstbezogen umgeht.
Der Schein, auf den hin er mit seinem Forschungsgegenstand umgeht, nennt der Naturwissenschaftler "Modell", das sein Verständnis einer Sache spiegelt und auf das hin er seine Überlegungen anstellt. Schon Wilhelm von Ockham sah dies so¹:
"Die Interpretation: Zum Verständnis des Gesagten muß man wissen, daß jedes Wissen sich auf einen Satz oder auf Sätze bezieht. Und so wie Sätze durch das Wissen gewußt werden, ebenso gehören die Satzteile, aus denen Sätzen zusammen gesetzt sind, zum Bereich des Wissens (und nicht zum Bereich der Natur: s. die Quantenmechanik).
Universalia: Die Sätze aber, welche durch die Naturwissenschaft gewußt werden (also nicht durch Anschauung in direkter Erfahrung), sind nicht aus sinnlichen Dingen oder Substanzen zusammengesetzt, sondern aus Intentionen oder Begriffen der Seele, welchen solchen Dingen gemeinsam sind. Und daher handelt, im eigentlichen Sinne, die Naturwissenschaft weder von vergänglichen und werdenden Dingen noch von natürlichen Substanzen, noch von beweglichen Dingen, denn solche Dinge sind in keinem durch die Naturwissenschaft gewußten Satz Subjekt oder Prädikat. Im eigentlichen Sinne handelt die Naturwissenschaft von den solchen Dingen gemeinsamen Intentionen der Seele, die in vielen Sätzen eben für diese Dinge stehen, z.B. Lebewesen ist die Gattung des Menschen und (der) Tiere."
¹Wilhelm von Ockham: Prolog zum Physikkommentar, dt. v. Ruedie Imbach in: W.v.O: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, lt./dt. hg., übers. u. komm. v. R. Imbach, Stuttgart, Reclam, 1984, 205f. Fundstelle: Eckhard Keßler, Einführung in die Philosophie der Renaissance, Skript der Fachschaftsinitiative Philosophie der Universität München, Dez. 96. Klammerausdrücke vom AutorSolche Aussagen gehören zur immerwährenden Philosophie, in der das Geistige, nach meiner Definition die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt (s. Text II/7), zum Bewußtsein seiner eigenständigen Natur kommt und aufhört, sich von mythischen Mächten oder von Objekten der Außenwelt beherrscht zu sehen. Auch die Gegenstände der Naturwissenschaft sind als "Intensionen der Seele" rein geistiger Art und gehen den Namen voraus. Wer verinnerlicht hat, daß wir mental immer nur mit der Bedeutung von Namen umgehen, - das verstand Ockham unter Nominalismus (W. Vossenkuhl) -, der wird Ockhams Gedanken, die Verse des Parmenides, ebenso wie die des Laotse, als zu jener immerwährenden Philosophie zugehörig verstehen, die wegen ihrer zeitlosen Gültigkeit immer dann einleuchten wird, wenn das Geistige seine ihm eigene Natur und Kompetenz erkennt. Ein Modell des Seienden ist eben nicht das Seiende, wie es für sich selber ist, das immer nur als ein Einzelnes auftritt, sondern es gibt bestenfalls Aspekte von Seiendem wieder (sofern das Seiende diese objektiv hergibt), die wir aber trotzdem immer selbst an die Dinge herantragen. So ist die Frage nach dem Seienden alles andere als eine akademische Frage sondern sie hat entscheidend zu tun mit den Fragen, was es heißt "Mensch" zu sein und wie wir mit dem Seienden umgehen müssen, um die Zukunft des Menschengeschlechts zu sichern. Ich denke, wir nehmen entweder die Verantwortung für unser Wahrnehmen, Denken, Reden und Tun wahr oder wir werden am unkontrollierten Egoismus scheitern.
als Quellen benutzte Parmenidesübersetzungen:
Parmenides, Über das Sein, Reclam Bd. 7739, Übersetzung und Gliederung von Jaap Mansfeld, herausgegeben und kommentiert von Hans von Steuben, Reclam Stuttgart 1985
Kurt Riezler, Parmenides, durchgesehen u. ggf. ergänzt von H.G. Gadamer in: Quellen der Philosophie, hrg. von Rudolph Berlinger, Vittorio Klostermann Frankfurt/M 1970
Carl-Friedrich Geyer, Die Vorsokratiker zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1995, mit der Übersetzung von W. Nestle
Allen Übersetzungen liegt das Fragment 28 B der Sammlung vorsokratischer Texte von H. Diels und W. Kranz zugrunde.
Für persönliche Hinweise zum Inhalt des Lehrgedichts in philologischer Hinsicht bin ich den Altphilologen Prof. Dr. Dieter Bremer und seinem Mitarbeiter N.C. Dührsen (Ludwig-Maximilians-Universität München) zu Dank verpflichtet. Dr. Peter Blersch danke ich u.a. für den wichtigen Hinweis, daß es in Zeile 10 nicht "pfeifend" sondern "schrill" heißen muß.
Hier nun der Versuch, das Proömium im Klartext wiederzugeben. Ich schlage vor, den Text zuerst ohne Nachschlagen der Fußnoten zu lesen, zumal der Leser schon vorbereitet ist. In Verse gesetzt erscheint das Proömium noch einmal im Gesamttext, Datei II/5b (s. Link unten).
Parmenides in Klartext
von Helmut Hille
Vom Schein zum Sein
I. Das rechte Bedenken
[1] Soweit mein Sinn begehrte, trugen mich die Intuitionen.1 Nachdem Themis1a und Dike1b mich auf dem kundereichen Weg gebracht hatten, der da allein überallhin führt den [nun um den Weg] wissenden Mann, eilte ich auf ihm dahin; auf ihm bewegten mich die vieles deutenden Intuitionen und das rechte Bedenken2 wies mir den Weg.
[6] Den Schein verlassend, vom Haupte zurückgeschlagen die Schleier,3 lenkte mein Begehren zum Lichte die Fahrt, doch was es vernahm,4 klang schrill.5
[11] Da steht das lichte Tor6 am Pfade von Tag und Nacht,6a ein Türsturz umschließt es und eine steinerne Schwelle7 - große Flügeltüren füllen es. Die unerbittliche Dike8 verwahrt den richtenden Schlüssel.
[15] Ihr schmeichelte das rechte Bedenken, so wurde sie überzeugt. Nachdem die Denkbarriere gefallen, sprang auf das Tor und öffnete breit den ansonsten verschlossenen Abgrund [zwischen Schein und Sein], die erzbeschienten Pfosten drehten sich in ihren Pfannen, und das rechte Bedenken lenkte gerade hindurch Intuition und Bewußtsein.9
[22] Und die Göttin10 empfing mich, ergriff voll Huld meine Rechte,11 nahm das Wort und sprach: "Jüngling,12 sei gegrüßt! Göttlichen Lenkern gesellt, mit den Intuitionen die dich trugen, meinem Hause nahend. Kein geringes Geschick, sondern Themis und Dike sandten dich, diesen Weg zu gehen, der da außerhalb liegt der von Menschen betretenen Pfade. So sollst du denn alles erfahren: der wohlgerundeten Wahrheit nie erzitterndes Herz und das Scheinwesen menschlicher Setzung, die da ohne Verlaß ist und ohne Wahrheit. Aber dennoch sollst du auch das erfahren, wie das nur nach dem Anschein Gesetzte geltend wird und solche Geltung alles mit ihrem Scheinwesen hat durchdringen müssen."13
Fußnoten
1das in Schüben bewußt werdende implizite Weltverständnis, das dadurch bedacht werden kann.
1aGöttin der Rechtsordnung (das positive Recht)
1bGöttin der Rechtsprinzipien
2ein dem Gegenstand gerecht werdendes Denken nach anerkannten Prinzipien/Prämissen
3die Schleier: das Nichtwissen um die Prämissen von Urteilen, wodurch der Urteilende ihnen ausgeliefert bleibt und von Meinungen (doxa) beherrscht wird
4im Original: "von zwei wirbelnden Kreisen beflügelt" = die auf der Achse des Hauptes sitzenden "wirbelnden Kreise" sind die Ohrwirbel, die für das Vernehmen (der Meinungen) stehen
5Verwirrung, Ratlosigkeit - Krise!
6das "lichte"/"ätherische" = geistige Tor
6ader "Pfad von Tag und Nacht" = der übliche Weg des Denkens in antagonistischen Gegensätzen, wie Tag und Nacht, die nicht in den Sachen selber liegen. Zum Beispiel ist die Dunkelheit nur der Grenzfall der Helligkeit. Ohne das Erlebnis "Tag" gäbe es keinen Begriff von der "Nacht".
7die herausgehoben realistische Beschreibung des Tores, obwohl es zuerst "ätherisch" = geistig genannt wird, steht m.E. für die Realität der Transzendenz und die Transzendenz der Realität, die dem antagonistischen Denken verschlossen ist, weil es sich in widerstreitenden Setzungen erschöpft. Aber auch: es ist ein sehr solides Tor, das nicht überrannt, sondern nur mit dem richtigen Schlüssel geöffnet werden kann.
8als Göttin der Rechtsprinzipien besitzt Dike in Form der Waage den Schlüssel zur Wahrheit: das Urteilen anhand abgeklärter Prämissen, von mir hier "das rechte Bedenken" genannt.
9beschreibt ein geglücktes Zusammenspiel aller kognitiven Kräfte, der bewußten und unbewußten, wie immer wir sie auch nennen
10die Göttin ist namenlos, denn Namen geben Macht über das Benannte. Doch Weisheit kann man nicht zwingen, man kann sich ihr nur öffnen. Die Macht der Weisheit geht von der Göttin aus.
11Die körperliche Berührung verbürgt die Wahrheit, denn der Tastsinn ist der Sinn der Wahrheit, weil er keines vermittelnden und damit möglicherweise verfälschenden Mediums bedarf. Die so erfahrene Wahrheit - die nach Auffassung der Griechen nur den Göttern zukommt - bedarf daher einer göttlichen Verkündigung, und zwar in poetischer Form, denn die Poesie ist die Sprache der Götter.
12von der Göttin wird Parmenides als "Jüngling" bzw. in anderer Übersetzung als "junger Mann" begrüßt, denn der Parmenides, der uns berichtet, ist durch den Mund der Göttin Zeuge und Träger zeitloser Wahrheiten geworden, die nicht altern. Für uns ist er der Philosoph, der aus der Zukunft kommt, denn er hat Fragen beantwortet, die wir erst noch stellen müssen, um uns selbst zu verstehen. Siehe zum letzten Punkt meine Interpretation in III/7 "Die Waage der Welt".
13Die doxa sind unser geistiges Modell der Wirklichkeit. Weltbilder und Theorien sind die Spiegel unseres Denkens, nicht des Seins. Sie entstehen durch die anverwandelnde Interpretation objektiver Daten an unsere Verständigkeit. Wie auf allen Seinsebenen, entsteht durch die Durchdringung/ Verschränkung zweier Ebenen eine von den Ausgangsebenen verschiedene neue Wirklichkeit mit eigener Geltung, die wir hier die geistige nennen. Parmenides: "Wie der Nous je die vielirrenden* Glieder gemischt sieht, so ist er den Menschen (selbst) beigegeben: denn es ist immer dasselbe, was da als Art der Glieder auch in den Menschen sinnt; bei allem und jeden - das Mehr an Mischung nur ist ihnen Gedanke"
*"vielirrend" weil zufällig, also ungeplant und daher unwissentlich aufeinander treffendDie Einleitung konfrontiert uns mit der Entstehung und dem Schlüssel des Lehrgedichts und mit dem daraus abgeleiteten Anspruch auf die Wahrheit der Verkündigung, zu deren Nachvollzug wir aufgefordert sind.
© HILLE 1997
etliche Nachbesserungen Sept./Okt. 2004, Ergänzungen im 2. und 3. Absatz der "Ausgangslage" Jan. 2007
Anmerkung 1
Heute (April 2003) verstehe ich die namenlose Göttin, die Parmenides am Ende seiner "Fahrt" begrüßte und ihn aufklärte, als die das Ganze bedenkende höchste Vernunft, die anhand sorgsam abgeklärter Prinzipien ebenso sorgsam und logisch richtig urteilt. Dike, die Parmenides geleitete, ist für mich daher nicht einfach die Göttin der Gerechtigkeit (denn Gerechtigkeit wodurch?), sondern die Göttin der Rechtsprinzipien, die das Maß, also das Kriterium gebenden "vergeltenden" = richtenden Schlüssel verwahrt. Prinzipien, umfassend und sorgsam abgeklärt, als Richtmaß dienend sind es, die Urteile entweder gelten lassen oder verwerfen. Darum spricht Plutarch* in Bezug auf Parmenides auch von den zwei Naturen des Wissens: dem logisch (anhand von Prinzipien) erkennbaren Wissen, "mit sich selbst identisch und bleibend im Sein", und dem meinbaren Wissen, das auf sinnlicher Wahrnehmung beruht, als "etwas Unzuverlässiges, in vielerart Zuständen und Wandlungen Befindliches", und das sich zudem "jedem andern gegenüber anders" darstellt. Ebenso wichtig wie umsichtig gesammelte Erfahrung ist deren Interpretation anhand abgeklärter Prinzipien, denn weder kann Weisheit ohne Wissen, noch Wissen ohne Weisheit gelingen, wie mein Motto lautet. Als "Doxa", also als bloße Meinung, werden von Parmenides theoretische Aussagen angesehen, die nicht auf abgeklärten Prinzipien beruhen und daher rational nicht nachvollzogen sondern nur geglaubt werden können.
*s. Abschnitt X. meiner nachfolgenden Zusammenstellung des Lehrgedichts
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