Das Gehirn und sein Ich

Eine notwendige Klärung


veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 2/1996
Kurztext


Einleitung: Das Jahrzehnt des Gehirns

Am 25. Juli 1989 hat Präsident George H.W. Bush mit der Resolution 174 das letzte Jahrzehnt dieses Jahrtausends als "Jahrzehnt des Gehirns" (the decade of the brain) ausgerufen, weshalb zur Halbzeit von vielen Forschern und Publizisten eine Zwischenbilanz versucht wird (s. hierzu meine Besprechung des Buches "Geheimnisvoller Kosmos Gehirn" Text II/6). Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat in seiner Ausgabe 16/1996 diese Zwischenbilanz zur Titelgeschichte "Die Suche nach dem Ich" verkürzt, in der sich schon viel Ernüchterung über die Rolle des eitlen Ego breit macht. Ich denke daher, daß es Zeit ist, das Ich als einen Ableger des Gehirns zu begreifen, das ihm beschränkte Befugnisse einräumt, es zugleich aber darüber im Unklaren läßt - eine Richtung, in die viele Forschungsergebnisse weisen. Zugleich sind es aber die Forscherhirne selbst, denen an einer rückhaltlosen Aufklärung der interpretierenden Fähigkeiten des Gehirns nicht gelegen ist, um den Anspruch der Wissenschaft, objektiv zu sein, nicht zu untergraben, was gerade in dem besprochenen Buch deutlich zu erkennen ist. Die hauptsächlich angewandte Verdunkelungsstrategie besteht darin, die entscheidenden Erzeugnisse des Gehirns als objektive Bestandteile der Außenwelt zu behandeln, wodurch die Wichtigkeit und die Leistung des Gehirns minimalisiert wird. Ich denke dagegen, daß gerade die rückhaltlose nüchterne Aufklärung des wahren Verhältnisses beider, gegen die sich das Gehirn heftig wehrt, das Ich in seiner Kompetenz stärken könnte. Für die Wissenschaft heißt das: Wir müssen lernen, daß es kein objektives Wissen gibt. Aber gerade das Wissen um unser Nichtwissen würde zur Quelle der Weisheit und setzte uns in die Lage, unser Wissen zu objektivieren und aus unseren Möglichkeiten für unsere Zukunft das Beste zu machen. Sonst bleiben wir nur der eitle Affe unseres tierischen Erbes. Das Gehirn und sein Ich - ein Trauerspiel, eine Göttliche Komödie oder ein Satyrspiel, bei dem ein Happy-End möglich ist? Versuchen wir dies zu klären.


Was ist Information?

Wissen ist ein Mittleres. Nur dadurch ist es in der Lage, Mittler zwischen Objekt und Subjekt zu sein. So gesehen ist ein "objektives Wissen" ein Widerspruch in sich.

Parmenides: "Denn so wie zu jeder Zeit (einer) hat die Mischung der vielirrenden Körperglieder, so auch wird das Erkennen dem Menschen zuteil", d. h. wie jeder eine unabgeklärte Mischung seiner elterlichen Gene ist, so ist die Erkenntnis eine unabgeklärte Mischung aus objektiven und subjektiven Elementen, d.h. "vielirrend".

 objektive* + subjektive Elemente   = Ergebnis der Mischung 
 einwirkende Kräfte + Sinne  = Sinnesreize (Daten)
 Daten + Subjekt (Gehirn)  = Deutung (Information)
 Information + Wille/Trieb (Ego)  = ggf. Entschluß/Antrieb
*bzw. das Ergebnis der vorangegangenen Mischung

Die Definition von "Information" muß daher m.E. lauten: Information ist dem Ich jene plausibelste Deutung, die das Gehirn Daten gibt. Oder verkürzt:

Information ist die plausibelste Deutung von Daten.

Durch Projektion subjektiver Elemente wird aus dem unbekannten Objekt der Beobachtung etwas mehr oder weniger Vertrautes. Überschießende Projektion (zu hoher Subjektanteil): beseelte Welt (Animismus), Dämonen, Geister, Götter, Hexen, Engel, Feen usw. = eine Form der "Information", die sich mehr mit den projizierten eigenen kon- und destruktiven = "guten" und "bösen" Kräften auseinandersetzt, als mit der Welt selbst. Hexenprozesse waren (u.a.) der Versuch, das eigene Böse durch das Hexenopfer auszubrennen.



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