Messen als Erkenntnisakt


Langtext


1. Maßstäbe werden nicht gemessen sondern gesetzt

Der Fortschritt in den Naturwissenschaften hängt eng zusammen mit dem Fortschritt in der Meßtechnik. So konnte Galilei auf der schiefen Ebene zwar beobachten, daß alle Kugeln gleich schnell rollen, unabhängig von ihrer Masse, und daß ihre Geschwindigkeit in gleichen Zeiteinheiten um gleiche Beträge zunimmt, doch die Fallgeschwindigkeit konnte er mangels geeigneter Uhren nicht ermitteln. Um eine gleichbleibende kurze Zeitspanne darzustellen, hat er sich vielleicht mit Abzählen beholfen. Er kam jedoch dem Mittel einer geeigneteren Messung der Dauer auf die Spur, als er einen, vielleicht durch das Entzünden der Kerzen zum Pendeln gebrachten Kirchenleuchter beobachtete, dessen Schwingungsperiode offensichtlich unabhängig von der Größe des Schwingungsausschlags war. So haben Wissenschaftler, angetrieben von ihren Fragen, die Meßmittel ihrer Forschung oft selbst entdeckt oder konstruiert und sie, zusammen mit Ingenieuren und Handwerkern, zu brauchbaren Instrumenten entwickelt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden auf diese Weise, getreu der Forderung Galileis (nach einer anderen Quelle Archimedes): "Man muß messen, was meßbar ist, und was nicht meßbar ist, meßbar machen", aus den beschreibenden Wissenschaften immer mehr messende Wissenschaften. Heute ist ein Punkt erreicht, wo von vielen Forschern als Gegenstand der Wissenschaft nur noch angesehen wird, was auch gemessen werden kann. Der heute zur Feinstmessung erforderliche intellektuelle und technische Aufwand nimmt die Wissenschaftler derart in Anspruch, daß vielen von ihnen die Frage nach einem jenseits der Meßbarkeit liegenden Verständnis der Phänomene als zweitrangig bis obskur erscheint. Aber auch die Frage nach der Voraussetzung sicheren Wissens von Quantitäten trifft auf diese Unlust, sich mit Nichtmeßbaren auseinanderzusetzen. Wie ich zeigen werde, haben wir heute eine Situation, in der sich niemand daran stößt, wenn zwischen dem Maß als Meßmittel und dem Gegenstand des Messens nicht klar unterschieden wird und wenn in Meßeuphorie geglaubt wird, auch Maße messen zu können. Doch:

2. Alles Messen ist ein Vergleichen

Wissen beruht auf Sinneswahrnehmungen und Gedächtnis. Persönliches Wissen ist jene Erfahrung, die abrufbar im Gedächtnis bleibt. Das Gedächtnis vergleicht fortlaufend aktuelle Wahrnehmungen mit früheren und stellt im Vergleichsfall mit ihnen gemachte Erfahrungen zur Verfügung. Ob und ggf. wieweit es sich beim Vergleichbaren auch um Gleiches handelt, ist sorgfältig zu untersuchen, will man nicht unzutreffende Analogieschlüsse riskieren. So auch, bevor man in Selbstanalogie von sich auf andere(s) schließt.1) Vergleichen ist ein Grundmuster der Kognition. Auch alles Messen ist ein Vergleichen. Beim Messen wird eine unbekannte Maßzahl mit einer bekannten, einem Maßstab zugehörigen Maßzahl verglichen, damit uns die unbekannte Maßzahl bekannt wird. Zum Begriff des Messens gehören also zwei kognitiv verschiedenwertige Sachverhalte und der mentale Akt ihres Vergleichs. Die bekannte Größe ist dabei die Maßeinheit, die unbekannte das zu Messende. Was gemessen wird, sind vom Beobachter gesehene Aspekte von Sachen, z. B. ihre Länge oder ihre Distanz, obgleich es weder eine Sache Länge, noch eine Sache Distanz gibt. Maßeinheiten selbst sind auch keine Sachen, sondern nur durch Maßstäbe verkörperte Definitionen von Größe, mit der wir uns Sachen (auf unser Verständnis und Handeln hin) geistig aneignen können. Und wer Größen wie Raum (Längen), Zeit (Dauer), Masse, Energie, Temperatur usw. usf. nicht als Meßmittel, sondern gleich als die physikalischen Gegenstände selbst ansieht, muß sich sagen lassen, daß er absolut laienhaft überhaupt nicht weiß, von was er redet. Wie alle anderen Größen ist z.B. Energie keine Sache, sondern ein Maß, nämlich das Maß der Arbeit, die eine Sache leisten kann.

Als Kognitionsmuster heißt messen demnach: Kenntniserwerb von unbekannten Abmessungen durch Vergleichen mit Standardmaßen (Maßeinheiten, Normale). Kenntnis von einer unbekannten Abmessung wird dadurch erworben, indem man sie zu einer bekannten Maßeinheit durch Zahlwerte auf Maßstäben in Relation setzt (die Zahl der Maßeinheiten/Normale wird Maßzahl genannt). Relationen sind etwas Mentales. So ist auch alles Messen rein mental. Verstehen heißt: Das Zurückführen des Unbekannten auf ein Vertrautes, dem wir trauen, weil wir es kennen. So auch beim Messen: Als Bekanntes ist das Normal das in allem Messen Gleichbleibende mit dem verglichen wird. Daher muß die Wissenschaft der Messung, die Metrologie, durch geeignete Normale und Definitionen dafür sorgen, daß ihre Maßeinheiten möglichst unveränderlich sind und weltweit gelten. Ohne diese Voraussetzung wären Ergebnisse der Naturwissenschaften fraglich bis wertlos und die moderne Technik büßte an Reproduzierbarkeit ein.

3. Das Maß der Länge

Im Internationalen Einheitensystem SI ist das Meter die Einheit der Länge. Es wurde zuerst definiert als der zehnmillionste Teil des Quadranten eines Längenkreises der Erde, seit 1889 definiert durch das Urmeter, einen Platin-Iridumstab, der im Bureau International des Poids et Mesures (Paris) aufbewahrt wird.2) Für seine Funktion als Urmaß ist es nicht wichtig, daß das Urmeter nun tatsächlich der zehnmillionste Teil eines Erdquadranten ist, sondern nur, daß es als Urmeter definiert ist und als solches zur Verfügung steht. Beim Bestreben, Maße an jedem Ort der Erde reproduzierbar zu machen, versucht man sog. Naturkonstanten einzusetzen, deren Konstanz sich aber vorher an definierten Maßen erwiesen haben muß. So sollte ab 1960 das Meter durch das 1.650.763,73fache der Vakuumwellenlänge der orangenfarbenen Spektrallinie eines Kryptonisotops, ab 1983 als der Weg des Lichts, den es im Vakuum in 1/299.792.458s durchläuft3), dargestellt werden, was freilich eine dem Laien nicht vorstellbare Feinstmessung voraussetzt und mit deren Fehlern und Toleranzen behaftet ist.

Das Meter oder Teile oder Vielfache von ihm ist, je nach Einsatzgebiet, die Vergleichsgröße mit der Dingen durch Messen ein uns Verständnis gebendes Meter-Maß zugeschrieben wird. Dagegen macht das Messen des Urmeters als Primärnormal durch ein anderes Meter, sei es ein Sekundär- oder Referenznormal oder ein Arbeitsmeßmittel, keinen Sinn, weil das Primärnormal immer dasjenige ist, was für jede Messung der Länge das Verständnis liefert. Würde man mir gestatten, einen Zollstock an das Urmeter anzulegen und ich würde feststellen, daß es 1,01 m lang ist, so würde diese Feststellung über das Urmeter überhaupt nichts besagen, sondern einzig eine Aussage über meinen Zollstock sein, der eine für mich vielleicht vorteil-, aber bestimmt unstatthafte Länge hat. Erst wenn das Meter z. B. mit Hilfe des Lichtwegs definiert ist, kann das Urmeter oder seine Skalierung durch diesen Lichtweg in sinnvoller Weise gemessen werden, weil es dann ein neues aktuelleres Urmeter gibt.

4. Das Maß der Dauer

Grundlage für das Messen von Dauer ist die Dauer des Tages zwischen zwei Sonnenhöchstständen und die aus ihm durch Meßmittel hergestellten Teile seiner Dauer. Internationale Einheit ist die Sekunde, als der 86.400 Teil eines mittleren Sonnentages. Für wissenschaftliche Zwecke wird die Sekunde seit 1967 als die Dauer von 9.192.631.770 Perioden der Strahlung definiert, die dem Übergang zwischen zwei bestimmten Hyperfeinstrukturen des Atoms Cäsium 133 entspricht. Differenzen zwischen der Internationalen Atomzeit IAT, die durch Mittelung aus einer Anzahl von Atomuhren festgelegt wird, und der aus astronomischer Beobachtung gewonnen Weltzeit UT (universal time), die nach Korrekturen infolge von Polbewegungen der Erde als UT1 bezeichnet wird, werden halbjährlich durch Schaltsekunden ausgeglichen. Aus dem Vergleich von IAT und UT1 wird nach internationaler Vereinbarung die Koordinierte Weltzeit UTC festgelegt.4)

Zeit ist also ein Maßstab, nämlich der der Dauer, und ihre Bestimmungsstücke, wie Sekunde, Minute, Stunde, mittlerer Sonnentag und Jahr, werden, wie alle anderen Maßeinheiten, durch Konventionen bestimmt. Zeit ist keine Sache, an die in irgendeiner Form Hand angelegt werden könnte. Die sog. Zeitmessung ist als Kognitionsmuster das In-Relation-Setzen einer unbekannten Dauer eines physikalischen Zustands oder Ereignisses zu der bekannten und durch Definition präzisierten Dauer des Tages und seiner Teile oder Vielfache, wodurch die unbekannte Dauer, wie bei jeder anderen Messung auch, uns bekannt wird. Schon Newtons Definition der "relativen Zeit", also der für Relationen, d. h. für Messungen benutzten Zeit, als "ein beliebiges sinnlich wahrnehmbares und äußerliches Maß der Dauer, aus der Bewegung gewonnen"5) war von tiefer Einsicht in das Wesen der Zeit als Maß und Kognitionsmuster geprägt.

Wenn die von mir benutzte "Kleine Enzyklopädie Physik" dagegen von "Zeitmessung"4) spricht, dann macht sie sich jener leider weit verbreiteten Denkunschärfe schuldig, die nicht genügend klar zwischen dem Maßstab und dem zu Messenden unterscheidet. Aber es gibt keine Zeit, die gemessen werden kann, sondern nur standardisierte Größen der Dauer mit deren Hilfe wir die Dauer, die Dingen und Ereignissen zukommt, durch Vergleichen mittels Uhren messen. Nirgends bedürfen wir zusätzlich der Hilfe einer irgendwie gearteten Zeit, soweit es sich nicht um das oben beschriebene Kognitionsmuster "Zeit" handelt. Uhren sind ja keine Gasuhren durch die eine gasartige Zeit strömt und dabei die Zeiger bewegt und sie vielleicht eines Tages sogar rückwärts laufen läßt, wenn der Zeitstrom sich umkehrt, wie Hawking einmal meinte6), sondern wie es in einem Fachbuch heißt: "Uhren aller Art enthalten einen (durch eine konkrete und wohlbekannte Energie) bewegten Taktgeber (der zwischen zwei Energiezuständen pendelt), eine Zählvorrichtung für die (die Dauer gebenden) Taktperioden und eine Anzeigevorrichtung."4) Das ist alles, was in seiner einfachen und klaren Logik ohne Wenn und Aber zu verstehen gerade von Physikern erwartet werden darf. Wenn ich auf die Uhr sehe, lese ich ihre Anzeige ab, wenn ich einen Hundertmeterlauf stoppe, dann messe ich die Dauer des Laufes als die Differenz zweier Zeitpunkte, wenn ich Uhren vergleiche, dann mache ich einen ganz banalen Uhrenvergleich, dessen Erkenntniswert sich allein auf das Verhältnis der verglichenen Uhren beschränkt. Aber nirgends messe ich dabei die Zeit. Nur Fakten können gemessen werden. Und die Dauer ist das den beobachtbaren Dingen zukommende Faktum, das wir mit Hilfe von Uhren messen, wenn wir sie unter dem Aspekt der Zeitlichkeit beurteilen. Die unbekannte Dauer ist die Meßaufgabe, die Zeit der Maßstab, die Uhr das Hilfsmittel der Messung und die Sekunde die durch Normen und Vereinbarungen festgelegte Maßeinheit.

5. Der Ursprung des Zeitbegriffs

Wie alles Messen ein Vergleichen ist, so beruht auch der Zeitbegriff auf der Vergleichung der "unserer Erinnerung zugänglichen Einzelerlebnisse nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des 'Früher' und 'Später'" (Einstein).7) Auf diese Weise gewinnen wir - durch eine originäre Leistung des Erkenntnisapparats: sein vergleichendes Erinnern, - die zeitliche Dimension des Erlebens und den Begriff der Zeit als der Ordnung des Nacheinanders (Leibniz). Die Erinnerungsfähigkeit und die Fähigkeit der Unterscheidung von Gedächtnisinhalten nach dem Kriterium von "früher" und "später" sind die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung von Dauer und aller Qualitäten, die zeitlich sind wie langsam und schnell, ja wie der Bewegungseindruck überhaupt erst durch das vergleichende Gedächtnis erzeugt wird. Meßtechnisch ist die Dauer die Differenz zweier Zeitpunkten, so wie die Länge die Differenz zweier Raumpunkten ist. Doch die Einheitsuhr im Koordinatenursprung oder sonstwo mißt nicht, sondern stellt nur - wie jede andere der Koordinaten auch - von Menschen festgelegte Normale zur Verfügung, mit denen wir messen. Die vielbeschworene Einheit der zeitlichen Koordinate mit den räumlichen sehe ich gerade und nur in dieser gleichen Maß-gebenden Funktion, wobei uns Raumpunkte nebeneinander, Zeitpunkte dagegen nacheinander gegeben werden, - ein Unterschied der unaufhebbar ist und der in der digitalen Zeitanzeige mit dem stetigen Wechsel der Anzeige von Zeitpunkten besonders sinnfällig wird. Ein Raum-Zeit-Problem sehe sich nicht und wir sollten uns auch keines einreden lassen, auf daß man uns keine überflüssigen und daher falschen "Lösungen" verkaufen kann.

6. Von einer falschen Rede zu falschen Schlüssen

Die Bezeichnung "Chronometer" für eine genau gehende Uhr und die Rede von der "Zeitmessung", bei der es eigentlich um die Zeit eines Ereignisses geht, zu dem dieses stattfindet oder das es benötigt, legen nahe, daß nicht das Ereignis, sondern die Zeit selbst gemessen wird, so als sei sie nicht der Maßstab, sondern der Gegenstand des Messens. Sobald die Zeit fälschlich als Gegenstand und nicht als ein Kognitionsmuster angesehen wird, das es ohne Erinnerungen und ihre Unterscheidung "nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des 'Früher' und 'Später'" (Einstein) nicht gäbe, gibt es auch keine Hemmung zu sagen, die Zeit könne durch Einwirkung des physikalischen Universums umgedreht, gedehnt, geschrumpft, gekrümmt oder sonstwie manipuliert werden. In diesem physikalistischen Verständnis von Zeit müßte sie ein mit Wirkungen aufladbarer Stoff mit Mischeigenschaften sein, etwa ein gummiartiges hölzernes Gas mit Pfeilspitzen, aber eindimensional, das als ununterbrochener Strom, in immer gleicher Richtung, nämlich vom Urknall weg, mit Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxien rast. Trifft die Zeit dabei auf Körper, schießt sie durch sie hindurch und bewirkt ihr Altern, gleich ob es sich um Atome, Sterne, Uhren oder Organismen handelt. Diese befremdliche Konsequenz einer meßbaren Zeit, für die, wegen des aus den Dingen selbst kommenden Alterns durch radioaktiven Zerfall, Kernfusion oder durch das genetische Programm, wissenschaftlich überhaupt kein Bedarf besteht, hat aber nun keineswegs einen Ruf nach mehr Wissenschaftlichkeit ausgelöst, denn soll es sich ja gerade um ganz hohe, alle Alltagserfahrung übersteigende Wissenschaft handeln. Deshalb wagen nichteinmal Biologen daran zu zweifeln, daß man umso langsamer altert, je mehr die eigene Bewegung sich dem Tempo mit Lichtgeschwindigkeit daherschießender Zeitpfeile anpaßt: Raser leben länger. Solche, durch tatsächlich keine Erfahrung nahegelegten, wenn auch nicht immer so explizit ausgesprochenen Vorstellungen werden im Namen von Wissenschaft angemutet, weil ausgerechnet messende Wissenschaftler versäumt haben, sich klar zu machen, was der Gegenstand und was der Maßstab ihres Forschens ist und dass sie keine Sachen/Dinge messen, sondern Merkmale, unter denen wir mit ihnen zu unserem Verständnis umgehen.

Die Verkehrtheit geht heutzutage soweit, daß nicht mehr die Veränderung der Dinge in Raum und Zeit Gegenstand teurer Messungen ist, sondern die Veränderung von Raum und Zeit durch die Dinge, um die angebliche "wahre" Systemzeit zu ermitteln, so als gäbe es doch eine objektive Zeit.
Aber:
Maßstäbe und ihre Einheiten sind keine Frage der Wahrheit sondern der Gültigkeit. Sie werden nicht durch Tatsachen sondern durch Normen bestimmt. Einzig auf ihnen beruht unser Wissen über Quantitäten

Daher geht jede Uhr, deren Gang vom Zeitnormal abweicht, ganz einfach schlicht falsch, selbst wenn sie die Rolex unter den Atomuhren wäre. Denn ebensowenig wie der Zollstock als Meßmittel, der das Urmeter mit 1,01 Meter mißt, eine Aussage über das Urmeter treffen kann, ebensowenig kann eine Uhr etwas über die Sekunde als das Normal der Messung aussagen, wenn nicht die Sekunde speziell dieser Uhr unter ihren festgelegten Gangbedingungen als Zeitnormal der Internationalen Atomzeit IAT definiert ist. Uhren dienen der Objektivierung unseres Gefühls von Dauer und ermöglichen seine Quantifizierung. Doch messen müssen wir selbst, denn Messen ist der mentale Akt des Kenntnisgewinns, bei dem - durch das In-Relation-Setzen zu einer definierten Größe - eine bisher unbekannte Maßzahl bekannt wird. Nur Betriebsblinde glauben, daß nicht sie selbst, sondern ihre Apparate messen. Doch Apparate zeigen ohne jede Wertung nur an. Mehr nicht.

Einzig die definierten Größen sind es, die uns Verständnis von Messungen geben und die wissenschaftlich verbindliche und anwendbare Aussagen gestatten.
Und mit was will man überhaupt messen, wenn die Maßeinheiten selbst erst gemessen werden müßten???

An dieser, aus der unaufhebbaren kognitiven Situation kommenden Grundbedingung aller quantitativen Erkenntnis könnte nichteinmal die umfassendste Theorie über die Struktur der Welt etwas ändern. Würde eine dies fordern, ganz gleich aus welchen Gründen, dann müßte sie unbesehen als "falsch" bezeichnet werden. Es geht also hier nicht um eine neue Metrologie oder um ein neues Verständnis der bestehenden, sondern einzig um ihre richtige Anwendung und die Abwehr unwissenschaftlich Vorgehens. Wer die Metrologie durch Umrechnungsgleichungen abändern muß, damit ein Meßergebnis als seiner Erwartung entsprechend gedeutet werden kann, hat eine falsche Erwartung, was zu erkennen, der Sinn der Metrologie ist! Liegt einem an der Wahrheit und nicht am Rechthaben, hilft nur, die falsche Erwartung aufzugeben und statt der Normale sich selbst zu korrigieren, so schwer es auch fällt.

7. Warum es für den Zustand eines Systems auf seine Bewegung nicht ankommt

Daß es auf die Bewegung eines Realsystems für die in ihm stattfindenden Prozesse nicht ankommt, solange die Bewegung gleichbleibend ist, zeigt sich z. B. darin, daß das Meter ab 1983 als der Weg des Lichts, den es im Vakuum in 1/299.792.458 s durchläuft, definiert wurde. Die physikalische Erklärung dafür ist der kräftefreie Zustand des Systems "Erde" im relevanten Bereich. Nach Aufgabe der Lichtätherhypothese ist der negative Ausgang der Messungen ihrer Längsbewegung auf ihrer Bahn um die Sonne selbstverständlich und gerade eine Bestätigung der Newtonschen Axiome, denn das Verhalten physikalischer Systeme richtet sich nicht nach den vom Beobachter gesehenen Relationen, z. B. der Erde zur Sonne, sondern einzig danach, ob sie kräftefrei sind oder nicht. Nur objektive Kräfte können etwas bewirken und daher geht es in der Mechanik einzig um diese. Anderenfalls steht man nicht auf dem Boden der Wissenschaft. Relationen, wie Geschwindigkeiten, sind nur gedankliche Hilfsmittel, um z. B. das zukünftige Auftreten von Kräften vorausberechnen zu können und existieren - physikalisch folgenlos - nur in der Vorstellung des Betrachters und gehören mithin zum Reich des Möglichen. Außerdem haben wir es immer nur mit den Normalen eines Systems zu tun, nämlich mit dem, in dem wir messen. Entsprechend gilt für verbindliche Aussagen bei der Zeit immer nur die Internationalen Atomzeit IAT oder die Koordinierte Weltzeit UTC, je nach Erfordernis, und nicht irgendeine Zeitanzeige t' Zufallsbedingungen ausgesetzter Uhren.

Wenn Pendeluhren auf Bergen langsamer gehen als im Tal, was Newton schon untersuchte, Atomuhren dagegen schneller, wie die neuere Forschung zeigt, dann liegt das an der unterschiedlichen Rolle der Schwerkraft bei beiden Arten von Uhren und widerlegt die Behauptung von der Existenz einer alles synchronisierenden objektiven Zeit. Bei der Atomuhr ist die Schwerkraft nur eine Randbedingung ihres Ganges, die mit der Höhe abnimmt. Bei der Pendeluhr ist dagegen die Schwerkraft die antreibende Kraft, die mit der Höhe schwächer wird, wodurch die Pendeluhr langsamer geht. Mit Gangabweichungen von Uhren umgehen zu können ist Sache der Uhrmacher bzw. der Uhrenbenutzer. Irgendein theoretisches Zeitproblem ist damit nicht verbunden. Da sollten wir uns nichts mystifizieren lassen. Beim Messen ist es entscheidend, Normale zu verwenden, die gelten, und Meßmittel zu haben, die innerhalb unschädlicher Toleranzen gehalten werden können, z. B. bei Pendeluhren bei Reisen in Süd- oder Nordrichtung durch Veränderbarkeit der Pendellänge mittels einer Stellschraube unterhalb der Pendelmasse, denn infolge der Polabplattung ist die Schwerkraft an den Polen am größten, während sie zum Äquator hin abnimmt. Wenn Newton von einer absoluten Zeit und einem absoluten Raum sprach, dann meinte er mit "absolut" Normale, die von den zu ermittelnden Kräften unabhängig und dadurch zuverlässig sind. Und genau um diese Zuverlässigkeit der Meßmittel unter allen Bedingungen geht es in der Metrologie, die damit umzusetzen versucht, was Newton, wenn auch etwas mißverständlich, gefordert hatte, soll Messen diesen Namen verdienen und sollen quantitative Aussagen nachvollzogen werden können. Nur Leute, die keinen Begriff vom Messen haben, glauben daß es Newton um materielle Eigenschaften von Raum und Zeit gegangen wäre, weil sie selbst so (verkehrt) denken und zusätzlich als Deterministen immer nach äußeren Ursachen suchen, um in ihrer Geistfeindlichkeit geistige Leistungen nicht anerkennen zu müssen.

Doch die Vernunft gibt sich ihre Kriterien selbst. Dadurch sind sie vernünftig und sie sind ihr das Selbst-Verständliche mit deren Hilfe sie versteht. Daher ist sie auch der Herr der von ihr benutzten Maße: sie definiert sie sich, wie sie sie braucht.
8. Die restlose Klarheit

Zur Klarheit in der Wissenschaft ist es unverzichtbar, daß Mittel und Objekte der Forschung strikt unterschieden werden, so daß man erkennt, welches der Maßstab und welches das zu Messende ist. Man könnte auch sagen, daß Realitätssinn und selbstkritische Einschätzung vonnöten sind, um ohne einen Rest zuordnen zu können, was zu den Kognitionsmustern, mit deren Hilfe wir uns die Welt geistig aneignen, und somit zum Menschen, und was zu den materiellen Dingen gehört. Wer freilich bestreitet, daß es eine Rolle des Beobachters gibt, wird natürlich keine solche Notwendigkeit erkennen und weiterhin undifferenziert daherreden. Aber erst nach der Unterscheidung kann man wissen, was das zu Erforschende ist. Wer Unmeßbares, wie Primärnormale, messen möchte, vergeudet seine Arbeitskraft und das Geld des Steuerzahlers. Und noch etwas: Erkenntnisprobleme wollen nicht "gelöst" sondern aufgelöst werden; sie bedürfen nicht der "Erklärung" sondern der Klärung. Nur Klärung schafft Klarheit. Für Erkenntnisprobleme gilt erst recht das Newtonwort: "hypotheses non fingo."

Literatur und Anmerkungen
1)Aus den Prämissen "Die Kinder bewegen sich am Strand" und "Die Sterne bewegen sich (infolge der Drehung der Erde) am Himmel" wird der oberflächliche, rein das Ortsveränderungssphänomen erfassende (Analogie-)Schluß "also sind beide bewegt", obwohl die erste Beobachtung eine mit Kraft verbundene und daher reale Selbstbewegung von Lebewesen betrifft, während die zweite Beobachtung rein im Anschauungsraum des Beobachters existiert und daher kraftfrei ist. Eine Hauptquelle der Verwirrung in Physik und Astronomie seit Aristoteles ist, daß man sich über den unterschiedlichen Realitätsstatus beider Bewegungen bis heute keine Rechenschaft gegeben hat. So kommt es, daß man Sterne und andere Gegenständen "ruhen" oder "sich bewegen" sieht, als seien es Kühe auf der Weide, und daß man die Bewegung physikalischer Körper nicht als eine Leistung des vergleichenden Beobachters begreift, sondern sie, wie bei den Lebewesen, als eine Leistung des Bewegten ansieht, ist man doch von der Objektivität seiner Wahrnehmung fest überzeugt. Wo aber etwas geleistet wird, muß natürlich Kraft im Spiel sein, die gemessen werden kann. Weil wir seit der Erfindung der Eisenbahn uns daran gewöhnt haben, daß auch Unbelebtes bewegt werden kann, hängen wir verstärkt dieser falschen unbewußten Erwartung nach, weshalb wir Newtons Erkenntnis, daß es physikalisch nur auf die Bewegungsänderung als Ausweis einer einwirkenden Kraft ankommt, nicht mehr recht glauben können. Obwohl Einstein mit seinem Vorschlag, die Ätherhypothese aufzugeben, die Ergebnisse der Michelson-Morley-Messungen (auch ein Nullergebnis ist eine Messung!) selbst ausreichend erklärt hatte, versuchte er trotzdem, zusätzlich noch, uns das Ausbleiben des Bewegungsbeweises durch die Relativität von Raum und Zeit plausibel zu machen. Auch hier hat er wieder zwei sich gegenseitig ausschließende "Lösungen" angeboten, die das Geheimnis sind, warum Einstein immerwiedermal Recht zu haben scheint, was uns deshalb nicht beeindrucken sollte.
2)Duden-Lexikon, Bibliographisches Institut Mannheim 1972, S.152
3)Kleine Enzyklopädie: Physik, Verlag Harri Deutsch Thun; Frankfurt/M.1987, S. 434
4)wie3) S.443
5)Isaac Newton, Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Ed Dellian, Felix Meiner Verlag Hamburg 1988, Philosophische Bibliothek Bd. 394, S.44
6)Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit, Rowohlt Reinbek 1988, S.189f
7)Albert Einstein, Grundzüge der Relativitätstheorie, Vieweg, Braunschweig 1969, S.5
8)Samuel Clarke, Der Briefwechsel mit G. W. Leibniz von 1715/1716. Übersetzt und herausgegeben von Ed Dellian, Felix Meiner Verlag Hamburg 1990, Philosophische Bibliothek Bd. 423, Leibniz' vierter und fünfter Brief.

aktuell:
Über das Internationale Einheitensystem SI informiert z.B. das Schweizer Bundesamt für Metrologie
METAS:
"Das Bundesamt für Metrologie (METAS) realisiert und vermittelt international abgestimmte und anerkannte Maßeinheiten in der erforderlichen Genauigkeit. Es beaufsichtigt die Verwendung von Messmitteln in den Bereichen Handel, Verkehr, öffentliche Sicherheit, Gesundheit und Umwelt. METAS überwacht den Vollzug der gesetzlichen Bestimmungen durch die Kantone und die ermächtigten Eichstellen. Es stützt seine Tätigkeiten auf das Bundesgesetz über das Messwesen. METAS erbringt für die Gesellschaft, Wirtschaft und Forschung vielfältige Dienstleistungen."

© HILLE 1996
Juni 2007 geringfügig ergänzt bzw. gekürzt


zurück weiter zurück zum Seitenanfang