Messen als Erkenntnisakt
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gekürzte Fassung auf der DPG-Frühjahrstagung März 2014 in der Humboldt-Universität zu Berlin vorgetragen
Langtext


„Ohne Metrologie gibt es keine Wissenschaft, denn Wissenschaft ist Messen.“
Lord Kelvin (1824 - 1907)
Aber Messen ohne ein Verständnis des messenden Tuns ist noch keine Wissenschaft die Wissen schafft!
Nach eigenem Eingeständnis von 2012 weiß die PTB immer noch nicht, dass die Zeit ein Maß der Dauer ist!
Armes Deutschland! (s. links "Hinweise und Links zu Bundesämtern für Metrologie")


Inhalt:
Prolog
1. Maßstäbe werden nicht gemessen sondern gesetzt
2. Alles Messen ist ein Vergleichen
3. Das Maß der Länge
4. Das Maß der Dauer
5. Der Ursprung des Zeitbegriffs  
- mit digitaler Zeitanzeige
6. Von einer falschen Rede zu falschen Schlüssen
7. Die Vernunft gibt sich ihre Kriterien selbst
8. Die restlose Klarheit
Anmerkung und Literatur
Hinweise und Links zu Bundesämtern für Metrologie


Prolog

Kein sicheres Urteil ohne klare Urteilskriterien.
Kein verbindliches Maß ohne verbindliche Maßeinheiten.
Maßeinheiten können daher nicht gemessen,
sondern müssen gesetzt und zur Geltung gebracht werden.
Maßstäbe bilden sie dann ab.

Wie Maßstäbe Messpunkte der Länge geben,
so geben Uhren Zeitpunkte als Messpunkte der Dauer.
Das ist der einzige Sinn und Zweck von Maßstäben und Uhren.
Messen müssen wir daher schon selbst,
denn alles Messen ist wie Urteilen und Wissen geistiger Art.
Das Ergebnis von Messungen ist ein Wissen von Quantitäten.

Nur überall geltende Maßeinheiten vermitteln ein überall verbindliches Wissen von Maßen.
Ohne sie kann von "relativen" geschwindigkeitsabhängigen Maßeinheiten weder etwas gewusst werden,
noch können diese selbst ein verbindliches quantitatives Wissen vermitteln:
niemand kann ohne konstante Maßeinheiten und Messmittel mit Sicherheit etwas von der Konstanz einer Geschwindigkeit wissen!
     Was gibt es daran nicht zu verstehen???
Darum nannte Einstein 1905 seine "Elektrodynamik bewegter Körper" ganz richtig auch nur eine "Vermutung"!
Bestritt er doch das, was sicheres Wissen im Reich der Maße zur Voraussetzung hat!
Er wusste einfach schlicht nicht, was "messen" heißt.
     Denn sonst hätte er seine ganze RT wohl gelassen.


1. Maßstäbe werden nicht gemessen sondern gesetzt

Der Fortschritt in den Naturwissenschaften hängt eng zusammen mit dem Fortschritt in der Messtechnik. So konnte Galilei auf der schiefen Ebene zwar beobachten, dass alle Kugeln gleich schnell rollen, unabhängig von ihrer Masse, und dass ihre Geschwindigkeit in gleichen Zeiteinheiten um gleiche Beträge zunimmt, doch die Fallgeschwindigkeit konnte er mangels geeigneter Uhren nicht ermitteln. Um eine gleichbleibende kurze Zeitspanne darzustellen, hat er sich vielleicht mit Abzählen beholfen. Er kam jedoch dem Mittel einer geeigneteren Messung der Dauer auf die Spur, als er einen, vielleicht durch das Entzünden der Kerzen zum Pendeln gebrachten Kirchenleuchter im Dom zu Pisa beobachtete, dessen Schwingungsperiode offensichtlich unabhängig von der Größe des Schwingungsausschlags war. So haben Wissenschaftler, angetrieben von ihren Fragen, die Messmittel ihrer Forschung oft selbst entdeckt oder konstruiert und sie, zusammen mit Ingenieuren und Handwerkern, zu brauchbaren Instrumenten entwickelt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden auf diese Weise, getreu der Forderung Galileis (nach einer anderen Quelle Archimedes): "Man muss messen, was messbar ist, und was nicht messbar ist, messbar machen", aus den beschreibenden Wissenschaften immer mehr messende Wissenschaften. Heute ist ein Punkt erreicht, wo von vielen Forschern als Gegenstand der Wissenschaft nur noch angesehen wird, was auch gemessen werden kann. Der zur Feinstmessung erforderliche intellektuelle und technische Aufwand nimmt die Wissenschaftler jetzt derart in Anspruch, dass vielen von ihnen die Frage nach einem jenseits der Messbarkeit liegenden Verständnis der Phänomene als zweitrangig bis obskur erscheint. Aber auch die Frage nach der Voraussetzung sicheren Wissens von Quantitäten trifft auf diese Unlust, sich mit Nichtmessbaren auseinanderzusetzen. Wie ich zeigen werde, haben wir heute eine Situation, in der sich niemand daran stößt, wenn zwischen dem Maß als Messmittel und dem Gegenstand des Messens nicht klar unterschieden wird und wenn in Messeuphorie geglaubt wird, auch Maße messen zu können. Doch:

Maßstäbe und ihre Einheiten werden nicht gemessen sondern gesetzt.
Sie sind etwas Geistiges, mit deren Hilfe wir verstehen.
Maßeinheiten sind zu definieren und durch Konvention zur Geltung zu bringen.
Daran ist nichts, was nicht jeder verstehen und wissen kann.
Und was schon immer gegolten hat und auch heute noch die Praxis ist!

2. Alles Messen ist ein Vergleichen

Das Gehirn weiß von Natur aus nichts, doch es gewinnt Wissen durch Vergleichen. Vergleichen ist das Grundmuster der Kognition. Auch jedes Messen ist ein Vergleichen. Beim Messen wird eine unbekannte Abmessung mit einer bekannten, einem Maßstab zugehörigen Abmessung verglichen, damit uns die unbekannte Abmessung bekannt wird. Zum Begriff des Messens gehören also zwei kognitiv verschiedenwertige Größen und der mentale Akt ihres Vergleichs. Die bekannte Größe ist dabei die Maßeinheit, die unbekannte das zu Messende. Was gemessen wird, sind vom Beobachter gesehene Aspekte von Sachen, z. B. ihre Temperatur, Länge oder Distanz, wobei es weder eine Sache Temperatur, Länge oder Distanz gibt. Auch "Masse" ist keine Sache, sondern das Maß der Trägheit zweier Körper bei Wechselwirkung. Und wenn diese über ihre Felder erfolgt, nennen wir sie "schwer".

Als Kognitionsmuster heißt messen demnach: Kenntniserwerb von unbekannten Abmessungen durch Vergleichen mit Standardmaßen, auch "Normale" genannt. Kenntnis von einer unbekannten Abmessung wird dadurch erworben, indem man sie zu einer bekannten Maßeinheit durch Zahlwerte auf Maßstäben in Relation setzt, Die Zahl der Maßeinheiten wird dabei Maßzahl genannt. Relationen sind geistige Verknüpfungen und damit etwas Mentales. So ist auch alles Messen rein mental. Messgeräte zeigen nur an. Verstehen heißt: Das Zurückführen des Unbekannten auf ein Vertrautes, dem wir trauen, weil wir es kennen. So auch beim Messen: Als Bekanntes ist das Normal das in allem Messen Gleichbleibende mit dem verglichen wird. Daher muss die Wissenschaft der Messkunde, die Metrologie, durch geeignete Normale und Definitionen dafür sorgen, dass ihre Maßeinheiten weltweit gelten. Ohne diese Voraus-Setzung wären Ergebnisse der Naturwissenschaften fraglich bis wertlos und die moderne Technik büßte an Reproduzierbarkeit ein.

3. Das Maß der Länge

Im Internationalen Einheitensystem SI ist das Meter die Einheit der Länge. Es wurde zuerst definiert als der zehnmillionste Teil des Quadranten eines Längenkreises der Erde, seit 1889 definiert durch das Urmeter, einen Platin-Iridumstab, der im Bureau International des Poids et Mesures (Paris) aufbewahrt wird.2) Für seine Funktion als Urmaß ist es nicht wichtig, das das Urmeter nun tatsächlich der zehnmillionste Teil eines Erdquadranten ist, sondern nur, dass es als Urmeter definiert ist und als solches zur Verfügung steht. Beim Bestreben, Maße an jedem Ort der Erde reproduzierbar zu machen, versucht man sog. Naturkonstanten einzusetzen, deren Konstanz sich aber vorher an definierten Maßen erwiesen haben muss. So sollte ab 1960 das Meter durch das 1.650.763,73fache der Vakuumwellenlänge der orangenfarbenen Spektrallinie eines Kryptonisotops, ab 1983 als der Weg des Lichts, den es im Vakuum in 1/299.792.458s durchläuft3), dargestellt werden, was freilich eine dem Laien nicht vorstellbare Feinstmessung voraussetzt und mit deren Fehlern und Toleranzen behaftet ist. Das heißt aber auch: mit diesem Lichtmeter ist ein Abweichen von der Konstanz der Länge nicht feststellbar, weil es ja deren neue Einheitsgröße ist, mit der gemessen wird. So bleibt die tatsächliche Lichtgeschwindigkeit vor Ort und der dortige Einfluss der nicht abschirmbaren Gravitation auf sie gleich außen vor, weshalb es scheint, dass Einstein mit seiner Konstanzhypothese der Lichtgeschwindigkeit immer Recht hat. Das ist ein Beispiel dafür, warum es so wichtig ist genau zu wissen und zu beachten, was messen heißt. Es gehört eben zur Definition der Messung, dass Maßeinheiten als unveränderlich gedacht werden müssen.

Das Meter mit seinen Teilen oder Vielfachen ist, je nach Einsatzgebiet, die Vergleichsgröße mit der Dingen durch Messen ein uns Verständnis gebendes Meter-Maß zugeschrieben werden kann. Dagegen macht das Messen des Urmeters als Primärnormal durch ein anderes Meter, sei es ein Sekundär- oder Referenznormal oder ein Arbeitsmessmittel, keinen Sinn, weil das Primärnormal immer dasjenige ist, was für jede Messung der Länge das Verständnis liefert. Würde man mir gestatten, einen Zollstock an das Urmeter anzulegen und ich würde feststellen, dass es 1,01 m lang ist, so würde diese Feststellung über das Urmeter überhaupt nichts besagen, sondern einzig eine Aussage über meinen Zollstock sein, der eine für mich vielleicht vorteil-, aber bestimmt unstatthafte Länge hat. Erst wenn das Meter z. B. mit Hilfe des Lichtwegs definiert ist, kann das Urmeter oder seine Skalierung durch diesen Lichtweg in sinnvoller Weise gemessen werden, weil es dann ein neues aktuelleres Urmeter gibt, ganz gleich wie zuverlässig es ist.

4. Das Maß der Dauer

Grundlage für das Messen von Dauer ist die Dauer des Tages zwischen zwei Sonnenhöchstständen und die aus ihm durch Messmittel hergestellten Teile seiner Dauer. Internationale Einheit ist die Sekunde, als der 86.400 Teil eines mittleren Sonnentages. Für wissenschaftliche Zwecke wird die Sekunde seit 1967 als die Dauer von 9.192.631.770 Perioden der Strahlung definiert, die dem Übergang zwischen zwei bestimmten Hyperfeinstrukturen des Atoms Cäsium 133 entspricht. Differenzen zwischen der Internationalen Atomzeit IAT, die durch Mittelung aus einer Anzahl von Atomuhren festgelegt wird, und der aus astronomischer Beobachtung gewonnen Weltzeit UT (universal time), die nach Korrekturen infolge von Polbewegungen der Erde als UT1 bezeichnet wird, werden halbjährlich durch Schaltsekunden ausgeglichen. Aus dem Vergleich von IAT und UT1 wird nach internationaler Vereinbarung die Koordinierte Weltzeit UTC festgelegt.4)

Zeit ist also ein Maßstab, nämlich der der Dauer, und ihre Bestimmungsstücke, wie Sekunde, Minute, Stunde, mittlerer Sonnentag und Jahr, werden, wie alle anderen Maßeinheiten, durch Konventionen bestimmt. Zeit ist keine Sache, an die in irgendeiner Form Hand angelegt werden könnte. Die sog. Zeitmessung ist als Kognitionsmuster das In-Relation-Setzen einer unbekannten Dauer eines physikalischen Zustands oder Ereignisses zu der bekannten und durch Definition präzisierten Dauer des Tages und seiner Teile oder Vielfache, wodurch die unbekannte Dauer, wie bei jeder anderen Messung auch, uns bekannt wird. Schon Newtons Definition der "relativen Zeit", also der für Relationen, d. h. für Messungen benutzten Zeit, als "ein beliebiges sinnlich wahrnehmbares und äußerliches Maß der Dauer, aus der Bewegung gewonnen"5) war von tiefer Einsicht in das Wesen der Zeit als Maß und Kognitionsmuster geprägt.

Wenn die von mir benutzte "Kleine Enzyklopädie Physik" dagegen von "Zeitmessung"4) spricht, dann macht sie sich jener leider weit verbreiteten Denkunschärfe schuldig, die nicht genügend klar zwischen dem Maßstab und dem zu Messenden unterscheidet. Aber es gibt keine Zeit, die gemessen werden kann, sondern nur standardisierte Größen der Dauer mit deren Hilfe wir die Dauer, die Dingen und Ereignissen zukommt, durch Vergleichen mittels Uhren messen. Nirgends bedürfen wir zusätzlich der Hilfe einer irgendwie gearteten Zeit, soweit es sich nicht um das oben beschriebene Kognitionsmuster "Zeit" handelt. Uhren sind ja keine Gasuhren durch die eine gasartige Zeit strömt und dabei die Zeiger bewegt und sie vielleicht eines Tages sogar rückwärts laufen lässt, wenn der Zeitstrom sich umkehrt, wie Hawking einmal recht naiv meinte6), sondern wie es in einem Fachbuch (von mir ergänzt) heißt: "Uhren aller Art enthalten einen (durch eine konkrete und wohlbekannte Energie) bewegten Taktgeber (der zwischen zwei Energiezuständen pendelt), eine Zählvorrichtung für die (die Dauer gebenden) Taktperioden und eine Anzeigevorrichtung."4) Oder wie es neuerdings in "pro-Physik" vom 27. Mai 2016 heißt: "Grundsätzlich arbeitet jede Uhr mit einer Art Pendel, mit einem regelmäßig ablaufenden periodischen Prozess, der gezählt wird." Das ist alles, was in seiner einfachen und klaren Logik ohne Wenn und Aber zu verstehen gerade von Physikern erwartet werden darf. Wenn ich auf die Uhr sehe, lese ich ihre Anzeige ab, wenn ich einen Hundertmeterlauf stoppe, dann messe ich die Dauer des Laufes als die Differenz zweier Zeitpunkte, wenn ich Uhren vergleiche, dann mache ich einen ganz banalen Uhrenvergleich, dessen Erkenntniswert sich allein auf das Verhältnis der verglichenen Uhren beschränkt. Aber nirgends messe ich dabei die Zeit. Nur Fakten können unter Aspekten gemessen werden. Und die Dauer ist das den beobachtbaren Dingen zukommende Faktum, das wir mit Hilfe von Uhren messen, wenn wir die Dinge unter dem Aspekt der Zeitlichkeit betrachten. Die unbekannte Dauer ist die Messaufgabe, die Zeit der genormte Maßstab, die Uhr das Hilfsmittel der Messung, deren Gang möglichst genau der genormten Vorgabe entsprechen soll. Privat weiß das jeder. Offiziell bei fehlenden Sachverstand wären es jedoch geheime Raumzeitmächte, die Uhren steuern.

5. Der Ursprung des Zeitbegriffs

Wie alles Messen ein Vergleichen ist, so beruht auch der Zeitbegriff auf der Vergleichung der "unserer Erinnerung zugänglichen Einzelerlebnisse nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des 'Früher' und 'Später'" (Einstein in "Grundzüge der Relativitätstheorie").7) Auf diese Weise gewinnen wir - durch eine originäre Leistung des Erkenntnisapparats: sein vergleichendes Erinnern - die zeitliche Dimension des Erlebens und den Begriff der Zeit als der Ordnung des Nacheinanders (Leibniz). Die Erinnerungsfähigkeit und die Fähigkeit der Unterscheidung von Gedächtnisinhalten nach dem Kriterium von "früher" und "später" sind die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung von Dauer und aller Qualitäten, die zeitlich sind. Ja, der Eindruck von Bewegung und Zeitlichkeit wird überhaupt erst durch das vergleichende Gedächtnis erzeugt, während die Sinne nur Momentaufnahmen liefern können. Ohne die mentale Verknüpfung dieser Momentaufnahme gäbe es daher wie bei Zeit und Bewegung auch keine Sprache und keine Musik, sondern nur einzelne Laute und Töne ohne Sinn. Wie kann man da glauben, dass es keine Rolle des Beobachters gibt?

Messtechnisch ist die Dauer die Differenz zweier Zeitpunkten, so wie die Länge die Differenz zweier Raumpunkten ist. Die Einheitsuhr im Koordinatenursprung oder sonstwo misst nicht, sondern stellt nur - wie jede andere der Koordinaten auch - von Menschen festgelegte Mess- in diesem Fall Zeitpunkte zur Verfügung. Die vielbeschworene Einheit der zeitlichen Koordinate mit den räumlichen sehe ich gerade und nur in dieser gleichen Maß-gebenden Funktion, wobei uns Raumpunkte nebeneinander, Zeitpunkte dagegen nacheinander gegeben werden, ein Unterschied der unaufhebbar ist und der in der digitalen Zeitanzeige mit dem stetigen Wechsel der Zeitpunkte, welche die Messpunkte der Dauer sind, mit deren Hilfe sie gemessen werden kann, besonders sinnfällig wird:

6. Von einer falschen Rede zu falschen Schlüssen

Die Bezeichnung "Chronometer" für eine genau gehende Uhr und die Rede von der "Zeitmessung", bei der es eigentlich um die Zeit eines Ereignisses geht, zu dem dieses stattfindet oder das es benötigt, legen nahe, dass nicht das Ereignis, sondern die Zeit selbst gemessen wird, so als sei sie nicht der Maßstab, sondern der Gegenstand des Messens. Sobald die Zeit fälschlich als Gegenstand und nicht als ein Kognitionsmuster angesehen wird, das es ohne Erinnerungen und ihre Unterscheidungen "nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium des 'Früher' und 'Später'" (Einstein) nicht gäbe, gibt es auch keine Hemmung zu sagen, die Zeit könne durch Einwirkung des physikalischen Universums umgedreht, gedehnt, geschrumpft, gekrümmt oder sonstwie manipuliert werden. In diesem physikalistischen Verständnis von Zeit müsste sie ein mit Wirkungen aufladbarer Stoff mit Mischeigenschaften sein, etwa ein gummiartiges hölzernes Gas mit Pfeilspitzen, aber eindimensional, das als ununterbrochener Strom, in immer gleicher Richtung, nämlich vom Urknall weg, mit Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxien rast. Trifft die Zeit dabei auf Körper, schießt sie durch sie hindurch und bewirkt ihr Altern, gleich ob es sich um Atome, Sterne, Uhren oder Organismen handelt. Diese befremdliche Konsequenz einer messbaren Zeit, für die, wegen des aus den Dingen selbst kommenden Alterns durch radioaktiven Zerfall, Kernfusion oder durch das genetische Programm, wissenschaftlich keinen Bedarf besteht, hat aber nun keineswegs einen Ruf nach mehr Wissenschaftlichkeit ausgelöst, denn soll es sich dabei ja gerade um ganz hohe, alle Alltagserfahrung übersteigende Wissenschaft handeln. Deshalb wagen nichteinmal Biologen daran zu zweifeln, dass man umso langsamer altert, je mehr die eigene Bewegung sich dem Tempo mit Lichtgeschwindigkeit daherschießender Zeitpfeile anpasst: Raser leben länger. Solche, durch keine Erfahrung nahe gelegten, wenn auch nicht immer so explizit ausgesprochenen Vorstellungen werden im Namen von Wissenschaft angemutet, weil ausgerechnet messende Wissenschaftler versäumt haben, sich klar zu machen, was der Gegenstand und was der Maßstab ihres Forschens ist und dass sie keine Sachen oder Dinge messen, sondern einzig selbst generierte Merkmale, unter denen sie zu ihrem Verständnis mit den Dingen umgehen.

Denn Maßstäbe und ihre Einheiten sind keine Frage der Wahrheit sondern der Gültigkeit.
Sie werden nicht durch Tatsachen sondern durch Normen bestimmt.
Einzig auf ihnen beruht unser Wissen über Quantitäten.

Daher geht jede Uhr, deren Gang vom Zeitnormal abweicht, ganz einfach schlicht falsch, selbst wenn sie die Rolex unter den Atomuhren wäre. Denn ebensowenig wie der Zollstock als Messmittel, der das Urmeter mit 1,01 Meter misst, eine Aussage über das Urmeter treffen kann, ebensowenig kann eine Uhr etwas über die Sekunde als das Normal der Messung aussagen, wenn nicht die Sekunde speziell dieser Uhr unter ihren festgelegten Gangbedingungen als Zeitnormal der Internationalen Atomzeit IAT ausdrücklich definiert ist. Uhren dienen der Objektivierung unseres Gefühls von Dauer und ermöglichen seine Quantifizierung. Doch messen müssen wir selbst, denn Messen ist der mentale Akt des Kenntnisgewinns, bei dem - durch das In-Relation-Setzen zu einer definierten Größe - eine bisher unbekannte Maßzahl bekannt wird. Nur Betriebsblinde glauben, dass nicht sie selbst, sondern ihre Apparate messen. Doch Apparate zeigen ohne jede Wertung nur an. Mehr nicht. Mehr ist ihnen nicht möglich!

Einzig die definierten Größen sind es, die uns Verständnis von Messungen geben und die verbindliche und anwendbare Messaussagen gestatten.
Und mit was will man überhaupt messen, wenn die Maßeinheiten selbst erst gemessen werden müßten???

An dieser, aus der unaufhebbaren kognitiven Situation kommenden Grundbedingung aller quantitativen Erkenntnis könnte auch die umfassendste Theorie über die Struktur der Welt nichts ändern. Würde eine dies annehmen, ganz gleich aus welchen Gründen, dann müsste sie unbesehen als "falsch" bezeichnet werden. Es geht also hier nicht um eine neue Metrologie oder um ein neues Verständnis der bestehenden, sondern einzig um ihre richtige Anwendung und die Abwehr unwissenschaftlich Vorgehens.

7. Die Vernunft gibt sich ihre Kriterien selbst

Wenn Pendeluhren auf Bergen langsamer gehen als im Tal, was Newton schon untersuchte, Atomuhren dagegen schneller, wie die neuere Forschung zeigt, dann liegt das an der unterschiedlichen Rolle der Schwerkraft bei beiden Arten von Uhren und widerlegt die Behauptung von der Existenz einer alles synchronisierenden objektiven Zeit. Bei den Atomuhren ist die Schwerkraft nur eine Randbedingung ihres Ganges, die mit der Höhe abnimmt, weshalb sie schneller gehen. Bei den Pendeluhren dagegen ist die Schwerkraft die antreibende Kraft, die mit der Höhe schwächer wird, wodurch die Pendeluhren dort langsamer gehen. Mit Gangabweichungen von Uhren umgehen zu können ist Sache der Uhrmacher bzw. der Uhrenbenutzer. Irgendein theoretisches Zeitproblem ist damit nicht verbunden. Da sollten wir uns nichts mystifizieren lassen. Beim Messen ist es entscheidend, Normale zu verwenden, die gelten, und Messmittel zu haben, die innerhalb unschädlicher Toleranzen gehalten werden können. Wenn Newton von einer absoluten Zeit und einem absoluten Raum sprach, dann meinte er mit "absolut" Normale, die von den zu ermittelnden Kräften unabhängig und dadurch zuverlässig sind. Und genau um diese Zuverlässigkeit der Messmittel unter allen Bedingungen geht es in der Metrologie, die damit umzusetzen versucht, was Newton, wenn auch etwas missverständlich, gefordert hatte, soll Messen diesen Namen verdienen und sollen quantitative Aussagen nachvollzogen werden können. Nur Menschen, die keinen Begriff vom Messen haben, glauben, dass es Newton um materielle Eigenschaften von Raum und Zeit gegangen wäre, weil sie selbst so denken und zusätzlich als Deterministen immer nach äußeren Ursachen suchen, um in ihrer Geistfeindlichkeit eigenständige geistige Leistungen nicht anerkennen zu müssen in dem Glauben, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Doch die Vernunft gibt sich ihre Kriterien selbst.
Dadurch sind sie vernünftig und sie sind ihr das Selbst-Verständliche mit deren Hilfe sie versteht.
Daher ist sie auch der Herr der von ihr benutzten Messgrößen:
sie definiert sie sich in eigener Souveränität, wie sie sie braucht, wie die Geschichte der Messkunde zweifelsfrei belegt,
die jedoch Relativisten völlig ignorieren, die sich ihre eigene vernunftfreie Welt erträumen,
ohne jegliche Rolle des Menschen und seines Geistes, denn:
"Gesunder Menschenverstand ist eine Sammlung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat."
Und daher abzulegen, ist doch alles Geistige nur eine "hartnäckige Illusion", wie Einstein ebenfalls meinte.
Was aber keinen Relativisten hindert, Einstein als großen Geisteshelden zu feiern!
Etwas Schizophrenie darf eben auch hierbei sein.

8. Die restlose Klarheit

Zur Klarheit in der Wissenschaft ist es unverzichtbar, dass Mittel und Objekte der Forschung strikt unterschieden werden, so dass man erkennt, welches der Maßstab und welches das zu Messende ist. Man könnte auch sagen, dass Realitätssinn und selbstkritische Einschätzung vonnöten sind, um ohne einen Rest zuordnen zu können, was zu den Kognitionsmustern, mit deren Hilfe wir uns die Welt geistig aneignen, und somit zum Menschen, und was zu den materiellen Dingen gehört. Wer freilich bestreitet, dass es eine Rolle des Beobachters und damit seines Geistes gibt, wird natürlich keine solche Notwendigkeit erkennen und weiterhin undifferenziert daherreden und auf diese Weise letztlich gar nicht wissen, von was er eigentlich spricht. Der Weg des Geistes jedoch ist es, Unterscheidungen zu treffen. Er ist es, der die Menschheit aus dumpfer Verständnislosigkeit zu geistiger Klarheit geführt hat, die aber auch immer wieder verloren gehen kann, wenn man sie nicht pflegt. Bereits der Kulturphilosoph Graf Hermann Keyserling (1880 - 1946) warnte: "Eine den Geist verachtende Welt wird real geistlos." Ohne Geist glotzt man nur auf die Phänomene, ohne sie zu verstehen, weiß nichteinmnal, ob sie geistiger oder materieller Art sind! Erkenntnisprobleme wollen daher nicht "gelöst" sondern aufgelöst werden; sie bedürfen nicht der "Erklärung" sondern der Klärung. Nur Klärung schafft Klarheit. Für Erkenntnisprobleme gilt erst recht das Newtonwort: "hypotheses non fingo." Einzig Einsicht hilft! Bemühen wir uns daher um diese!

Anmerkung und Literatur

1)Aus den Prämissen "Die Kinder bewegen sich am Strand" und "Die Sterne bewegen sich (infolge der Drehung der Erde) am Himmel" wird der oberflächliche, rein das Ortsveränderungssphänomen erfassende (Analogie-)Schluß "also sind beide bewegt", obwohl die erste Beobachtung eine mit Kraft verbundene und daher reale Selbstbewegung von Lebewesen betrifft, während die zweite Beobachtung rein im Anschauungsraum des Beobachters existiert und daher kraftfrei ist. Eine Hauptquelle der Verwirrung in Physik und Astronomie seit Aristoteles ist, daß man sich über den unterschiedlichen Realitätsstatus beider Bewegungen bis heute keine Rechenschaft gegeben hat. So kommt es, daß man Sterne und andere Gegenständen "ruhen" oder "sich bewegen" sieht, als seien es Kühe auf der Weide, und daß man die Bewegung physikalischer Körper nicht als eine Leistung des vergleichenden Beobachters begreift, sondern sie, wie bei den Lebewesen, als eine Leistung des Bewegten ansieht, ist man doch von der Objektivität seiner Wahrnehmung fest überzeugt. Wo aber etwas geleistet wird, muß natürlich Kraft im Spiel sein, die gemessen werden kann. Weil wir seit der Erfindung der Eisenbahn uns daran gewöhnt haben, daß auch Unbelebtes bewegt werden kann, hängen wir verstärkt dieser falschen unbewußten Erwartung nach, weshalb wir Newtons Erkenntnis, daß es physikalisch nur auf die Bewegungsänderung als Ausweis einer einwirkenden Kraft ankommt, nicht mehr recht glauben können. Obwohl Einstein mit seinem Vorschlag, die Ätherhypothese aufzugeben, die Ergebnisse der Michelson-Morley-Messungen (auch ein Nullergebnis ist eine Messung!) selbst ausreichend erklärt hatte, versuchte er trotzdem, zusätzlich noch, uns das Ausbleiben des Bewegungsbeweises durch die Relativität von Raum und Zeit plausibel zu machen. Auch hier hat er wieder zwei sich gegenseitig ausschließende "Lösungen" angeboten, die das Geheimnis sind, warum Einstein immerwiedermal Recht zu haben scheint, was uns deshalb nicht beeindrucken sollte. (s. I/B8 Einstein als Zwilling)
2)Duden-Lexikon, Bibliographisches Institut Mannheim 1972, S.152
3)Kleine Enzyklopädie: Physik, Verlag Harri Deutsch Thun; Frankfurt/M.1987, S. 434
4)wie3) S.443
5)Isaac Newton, Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Ed Dellian, Felix Meiner Verlag Hamburg 1988, Philosophische Bibliothek Bd. 394, S.44
6)Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit, Rowohlt Reinbek 1988, S.189f
7)Albert Einstein, Grundzüge der Relativitätstheorie, Vieweg Braunschweig 1969, S.5
8)Samuel Clarke, Der Briefwechsel mit G. W. Leibniz von 1715/1716. Übersetzt und herausgegeben von Ed Dellian, Felix Meiner Verlag Hamburg 1990, Philosophische Bibliothek Bd. 423, Leibniz' vierter und fünfter Brief.

© HILLE 1994 - 2013
Juni 2007 geringfügig ergänzt bzw. gekürzt; Juli 2012 Prolog neu; Dez. 2012 neue Prologstrophe sowie Pkt. 7 und 8 erg.; Jan. 2013 Prolog u. Pkt. 5 erg.; 1. Juni 2016 Zitat "pro-physik" zur Uhr


Hinweise und Links zu Bundesämtern für Metrologie

Über das Internationale Einheitensystem SI informiert z.B. das Schweizer Bundesamt für Metrologie METAS 2012: "Das Bundesamt für Metrologie (METAS) realisiert und vermittelt international abgestimmte und anerkannte Maßeinheiten in der erforderlichen Genauigkeit. Es beaufsichtigt die Verwendung von Messmitteln in den Bereichen Handel, Verkehr, öffentliche Sicherheit, Gesundheit und Umwelt. METAS überwacht den Vollzug der gesetzlichen Bestimmungen durch die Kantone und die ermächtigten Eichstellen. Es stützt seine Tätigkeiten auf das Bundesgesetz über das Messwesen. METAS erbringt für die Gesellschaft, Wirtschaft und Forschung vielfältige Dienstleistungen."

Ein Vortrag von Dr. Andreas Bauch von der PTB (Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig), Fachbereich Zeit und Frequenz der Abteilung Optik, am 10. Januar 2012 in der Heilbronner experimenta zum Thema Sekunde, anlässlich von deren Sonderausstellung ZEIT, bestätigte mir meine obige Darstellung unter "4. Das Maß der Dauer". Bei der Diskussion mit Dr. Bauch, bei der ich vortrug, dass die Zeit ein Maß der Dauer ist und daher nicht gemessen werden kann, erschrak dieser darüber, dass er im Vortrag fälschlich gesagt haben könnte, dass die Zeit gemessen wird, was er aber m.E. nicht getan hatte. Vielleicht aber hatte er für sich noch nicht grundsätzlich thematisiert, was eine physikalische Größe ist, da Physiker gern einen Bogen um so grundsätzlich Fragen machen in der Hoffnung, dass auch kein anderer sie stellt.

In einer Pressemitteilung zum 125-jährigen Bestehen der PTB am 28. März 2012 heißt es dort: "Wer an die heutige PTB denkt, dem fällt als erstes gewiss die "Zeit" ein, deren Geheimnis zwar auch die Physiker nicht aufdecken können, die sich aber so genau messen lässt wie nichts anderes in der Welt." Die Anstalt ist also nach eigenen Worten auch nach 125 Jahren nicht klüger geworden, was die Größe ZEIT betrifft und meint noch dazu, dass sie gemessen wird. Doch die Zeit ist der Maßstab des Messens, nämlich das Maß der Dauer, und sie muss - wie jede Messgröße - definiert und international zur Geltung gebracht werden (s. METAS). Der seit 20. Januar 2012 neue Präsident der PTB, ein Physiker, ist da erwartungsgemäß auch nicht klüger und meine vorsorglichen Bemühungen ihn aufzuklären haben auch nichts gefruchtet. Man weiß also selbst in der PTB immer noch nicht, was eine physikalische Größe ist und was ein Messvorgang kognitiv bedeutet und will es vielleicht auch gar nicht wissen, um nicht in Konflikte mit orthodoxen Kollegen zu kommen - ein Bildungsnotstand, der für den geistfeindlichen Materialismus unserer Zivilisation bezeichnend ist! - Die PTB erreichen Sie unter http://www.ptb.de/index.html. (Ich informiere mich lieber bei METAS, denn dieses Bundesamt weiß wenigstens, dass Maßeinheiten "international abgestimmt und anerkannt" sein müssen und nicht irgendwie und irgendwo zufällig gemessen werden können. Armes Deutschland!)


gilt allgemein:
Der Link "zum Langtext" zeigt den thematischen Zusammenhang zweier aufeinanderfolgender Dateien an, ebenso wie hier der Titel der Folgedatei nach dem "weiter"-Link

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