Inhalt:
1. Grundlagen des Wissens
a) Die Rolle des Gedächtnisses
b) Die Autonomie des Lebendigen
2. Die Grenzen des Wissens
3. Wahrheit als Selbstreferenz
4. Die Welt mit der wir umgehen
1. Grundlagen des Wissensa) Die Rolle des Gedächtnisses
Die über die chemische und energetische Koppelung mit dem Milieu hinausgehende Kommunikation eines Lebewesens beruht auf Sinneswahrnehmungen und Gedächtnis.
Persönliches Wissen ist jene Erfahrung, die abrufbar im Gedächtnis bleibt.
So ist ersteinmal alles Erkennen ein Wiedererkennen von Mustern. Das Gedächtnis vergleicht fortlaufend oder von Fall zu Fall wahrgenommene Muster mit gerade zuvor oder mit früher wahrgenommenen Mustern. Bemerkt es Abweichungen zwischen den Mustern, dann meldet es die Abweichung dem Bewußtsein durch das Aufmerksamkeit erheischende Alarmsignal "Bewegung!", weil eine aus dem Umfeld herausgehobene (Orts-)Veränderung einer Sache für den Beobachter Gefahr oder Beute bedeuten kann. Ohne den Abgleich von Mustern durch das Gedächtnis gäbe es für den Beobachter keine mit der (Orts-)Veränderung einhergehende Eigenschaft, die er "Bewegung" oder "beschleunigte Bewegung" nennen könnte, auch wenn es sich um aktive Zustände von Lebewesen oder Maschinen handeln würde. Ohne eine Vergleichsmöglichkeit sähen wir z. B. einen seinen Garten pflegenden Nachbarn, wüßten jedoch nicht, ob er sich gerade bewegt oder nicht oder ob er zwischen unseren Beobachtungen den Ort seiner Tätigkeit gewechselt hat, weil wir immer nur seine jeweilige Haltung und Position bemerken könnten. Und ohne Erinnerung hätten wir auch nicht die Möglichkeit, wechselnde oder auch gleichbleibende Bilder oder andere Wahrnehmungen mit den Begriffen "früher", "später" oder "jetzt" zu ordnen, d. h., wir hätten ohne Gedächtnis nicht nur keinen Bewegungs-, sondern auch keinen Zeitbegriff, der die "Ordnung des Nacheinanders" (Leibniz) ist!
Es ist also der kognitive Apparat, der - unabhängig von tatsächlichen Eigenschaften der Objekte, die er weder kennt noch zu kennen braucht - durch seine Mechanismen den Dingen spontan Eigenschaften gibt und sie in Ordnungen stellt, mit deren Hilfe der Träger des kognitiven Apparates mit seinem Milieu überlebensdienlich interagieren kann.Unser Wissen ist daher nicht objektiv wahr, sondern auf unser Handeln bezogen und bezieht seine Wahrheiten aus dem Erfolg von Handlungen. Das ist auch in der Wissenschaft nicht anders! Auch die sog. "Verifizierung" einer Theorie durch Experimente beweist lediglich, daß sie brauchbar ist, denn das Experimentieren ist das Handeln des Wissenschaftlers. Theorien können daher niemals "wahr" in einem absoluten Sinne sein, sondern nur brauchbar, eingeschränkt brauchbar oder unbrauchbar sein. Wahr ist, was sich bewährt, was sicher nicht die schlechteste und meist auch ausreichende Art von Wahrheit ist, solange man sich ihrer Handlungsbezogenheit bewußt bleibt.
b) Die Autonomie des Lebendigen
Leben ist ein sich selbst schaffender, sich selbst erhaltender und - wie ich betone - auch ein auf sich selbst beziehender (selbstreferentieller) Prozeß, was Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela mit ihrem Autopoiesekonzept (griech. autos = selbst; poiein = machen) dargestellt haben. Sie schreiben1): "Das Konzept der Autopoiese steht daher nicht im Widerspruch zu den bisher angesammelten Erkenntnissen; im Gegenteil, es lehnt sich ausdrücklich an sie an und schlägt explizit vor, diese Erkenntnisse aus einem spezifischen Blickwinkel zu interpretieren, der die Tatsache betont, daß Lebewesen autonome Einheiten sind." Diese Autonomie, die wir schon bei den Mechanismen des kognitiven Apparates kennengelernt haben, erstreckt sich über den gesamten Apparat bis hinein in unser Denken. Da die Außenwelt nicht sagt, was sie ist, und das denkende Individuum es von sich aus auch nicht wissen kann, beurteilt es sein Umfeld aufgrund seiner durch Versuch und Irrtum am Handlungserfolg entwickelten Erkenntnismechanismen - und das auf seine Bedürfnisse hin und in Analogie zu sich selbst, was die Quelle eines bis heute fortwirkenden Animismus und Biomorphismus ist. Zu diesem Animismus/Biomorphismus gehört eben auch, daß von toten Dingen so geredet wird, als ob sie lebten, so wenn man z. B. von physikalischen Körpern wie Erde, Mond und Sterne sagt, daß sie, wie Mensch und Tier, "ruhen" oder "sich bewegen", ohne daß eine solch verfehlte Analogie als unsinnig empfunden wird, weshalb sie, seit Aristoteles, in der Physik nichts wie Probleme und Irrtümer erzeugt. Es ist an der Zeit einzusehen, daß die Gegenstände der Physik über biomorphe Kategorien weit erhaben sind, weshalb die Physiker den Biomorphismus endlich abgelegen sollten.
Ebensowenig ist die Denk- und Sprechweise der Biologen ihrem Forschungsgegenstand angemessen, die seit Descartes Maschinentheorie der Tiere von einem physikalistischen Paradigma beherrscht werden. Beim Autopoiesekonzept von Maturana und Varela geht es daher nicht um neue Fakten, sondern um eine dem Lebendigen angemessene neue Sicht der in der Biologie gesammelten Fakten. Die Autoren versuchen Lebendiges nicht mehr analog mit der mechanischen Kategorie der "Anpassung" zu verstehen, sondern direkt, vom lebendigen Wesen her, mit der biologischen Kategorie der Autonomie. Sie stellen dar, daß Lebewesen von ihrem Milieu zwar Störungen (Perturbationen) erleiden, aber von ihm nicht determiniert werden: "es ist vielmehr die Struktur des Lebewesens, die determiniert, zu welchem Wandel es infolge der Perturbation in ihm kommt."2) Damit Selektion greifen kann, muß sich, vor aller Selektion, ersteinmal eine Varietät gesunder, lebensfähiger Individuen und Arten entwickeln, weshalb die Untersuchung des autonomen Organismus im Mittelpunkt biologischer und kognitiver Betrachtungen stehen muß. Erst das Ergebnis der Selektion erscheint dem Beobachter, in Analogie zu Vernunfthandlungen, als "Anpassung". Doch die Evolution selbst ist nicht anpasserisch, sondern sie entfaltet sich durch die Erprobung der den autopoietischen Systemen eigenen Ressourcen.
2. Die Grenzen des Wissens
Durch die schrittweise Überwindung analogen Denkens, bei Verwendung angemessener Kategorien, kommen Wissenschaftler in die Lage, jede Sache immer besser zu verstehen, ohne daß es dazu neuer Experimente und Tatsachen bedarf. Schon allein durch die bedachte Wahl der Sprache könnten so unsinnige Behauptungen und durch sie erzeugte Probleme vermieden werden, wie daß tote Dinge sich bewegen oder daß Chronometer die Zeit messen. Messen ist ein kognitiver Akt verstehender Wesen. Uhren geben nur Maße. Zur Sachgerechtheit von Überlegungen gehört es aber auch, sich - bei aller sprachlichen Annäherung an die Objekte des Denkens - bewußt zu bleiben, daß Objekte für sich gar keine Objekte mit objektiven Eigenschaften sind. Entweder haben wir es mit Subjekten als autonome Einheiten zu tun oder mit Sachen, die durch Unterscheidungen erst zu einem Objekt konstituiert werden, z. B. Berge als der sich erhebende Teil einer Landschaft. Ein Etwas wird erst durch sensorische, motorische oder mentale Operationen eines Subjekts zu einem Objekt. Und nur die dem Subjekt am Gegenstand seines Forschens möglichen Manipulationen, mit den realen oder gedachten Reaktionen des Manipulierten, sind der Inhalt seines Wissens, während das Subjektsein des Objekts, und ggf. auch sein unmanipulierter Zustand, sich dem Erkenntnisstreben entzieht.
Es führt letztlich kein Weg an der Einsicht vorbei, daß alle Erkenntnis, und sei sie noch so kritisch abgeklärt, an den Möglichkeiten ihrer Mittel ihr ganz natürliches Limit findet, was uns bereits von der Quantenmechanik demonstriert wurde. Bei ihr steht die Unschärferelation für das, was wir nicht erforschen können: das spezifisch Individuelle, hier: der genaue Zustand eines Teilchens. Aber viel entscheidender ist noch, daß der Mensch, wie jede Kreatur, nur innerhalb des kognitiven Rahmens, den die Evolution in ihm angelegt hat, ein Verständnis entwickeln kann. Diesen Rahmen nenne ich die Verständnisfähigkeit des Lebewesens. Wirklich sachlich kann nur sein und bleiben, wer die Grenzen seiner Mittel und seiner Verständnisfähigkeit sieht. Nur dadurch vermeidet er die Verhältnisse verfälschende Illusionen.
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