Meister Eckhart und das Sein an sich

Über den richtigen Umgang mit der Transzendenz



A L L E S
was man von Gott zu denken vermag,
das ist alles Gott nicht.
Was Gott in sich selber sei,
dazu kann niemand kommen,
er werde denn in ein Licht gerückt,
das Gott selber  I S T .

(Meister-Eckhart-Zitate kursiv gesetzt)


Das Gehirn - ein interpretierendes Organ

Das (menschliche) Gehirn läßt nichts so, wie es sich den Sinnen darbietet, sondern es reichert Erscheinungen solange mit ihm bekannten Eigenschaften, Relationen und Bedeutungen an, bis es mit dem Wahrgenommenen in geübter Weise umgehen kann. Auf diese interpretierende Art macht es sich das Sein ähnlich und zu eigen (s. Text (III/3): Das Verstehen des Verstehens). Was das Sein jenseits unserer, auf das Verstehen zielenden Interpretation ist, bleibt daher die Frage. Erfahrungen und erkenntniskritische Überlegungen zeigen uns, daß das Sein wie Gott (s. Zitat oben) alle Denkbarkeit übersteigt. Hieraus ergibt sich der Begriff der Transzendenz, als jene Grenze, die uns durch unsere kognitiven Fähigkeiten gegeben ist.

Jenseits, dieser "Transzendenz" genannten kognitiven Grenze, ist nicht eine andere Welt,
sondern die Welt anders, nämlich uninterpretiert, d. h. so, wie sie für sich selber ist.

So haben Menschen aller Bildungsstufen immer wieder einmal das richtige Gefühl, daß ihr ödes "Tatsachenwissen" nicht alles sein kann, was es gibt, weshalb sie nach einer "höheren" Wahrheit suchen. Heute zielt eine solche Suche gern auf "Außerirdische", die angeblich nur darauf warten, uns das Heil bringen zu können, sobald wir für es reif sind, was eine säkularisierte Form des Gottesglaubens ist, in der das Überirdische zum Außerirdischen mutiert ist. Hierbei wird besonders anschaulich die Gefahr deutlich, in der menschliches Empfinden und Denken immer steht: daß der Mensch sich eine transzendente Welt nach dem Muster der diesseitigen bildet, denn dem Denken fällt es schwer, von seinen erprobten Mustern zu lassen. Ein solches Muster ist z.B. das der Familie. Eine himmlische Hierarchie nach ihrem Muster mit Gott als Gottvater und Überweisen, wirkt schon durch die Anlehnung an das Familienmuster überzeugend. Und um zu begründen, warum der jüdisch-christliche Gott gar so menschenähnlich und so wenig erhaben aussieht, denkt und spricht, erklärt uns das Gehirn in einem weiteren Trick: die Ähnlichkeit sei überhaupt nicht verwunderlich, da Gott den Menschen (Adam) "nach seinem Bilde" geschaffen habe. Da wir dies eigentlich gar nicht wissen können, ergibt sich der logisch klingende Schluß, daß Gott uns das selbst "offenbart" haben muss, womit viele sich dann zufrieden geben.

Empfindsame und kritische Geister sehen daher, daß sie auf diese Weise nicht aus der Gefangenschaft des Musterdenkens ausbrechen und die ihnen bekannte Welt wirklich transzendieren können. Die spirituelle Praxis lehrt, daß hier nur Selbstvergessen hilft. Dieses muß nicht unbedingt ein kontemplatives sein. Auch der Mensch, der im Dienst am Nächsten seine eigenen Nöte vergißt, der Künstler und Denker, der in seinem Werk aufgeht, machen eine höhere Wahrheit kenntlich, die eben nicht zu den "Wahrheiten" dieser Welt gehört, in der alles notwendig von Selbstsucht, die in allen nur sich selber sucht, gesteuert wird.

Eine kontemplative Art des Selbstvergessens, der von einer religiösen Lehre der Boden bereitet wird, ist die Mystik. Die vorgefundene religiöse Lehre ist dem Mystiker dabei nur der Ausgangspunkt und die Sprache, um sich der Transzendenz zu nähern und sich und anderen sein Erleben verständlich zu machen. Er selbst aber strebt danach, die zufällig vorgefundenen Interpretationen gerade hinter sich zu lassen (und nicht, sie zu reformieren): im Überschreiten der Transzendenz in der Abgeschiedenheit der Seele von aller Interpretation. Und in diesem Quantensprung des Bewußtseins zum Bewußt-Sein, den der Mystiker die Erfahrung der Gnade nennt, erkennt sich das uninterpretierte Sein, wie es in Reinheit in sich selber ist. Gerade die Spiritualität des Fernen Ostens, die auf ein Sein und nicht auf ein Tun setzt, wie der Westen, ist von dieser Erfahrung geprägt und auf sie gerichtet, während wir im Abendland hauptsächlich nur in der mittelalterlichen Mystik Ansätze dazu finden. Wie sehr es Meister Eckhart (um 1260 bis 1327) um die Erreichung eines Zustandes ging, in der selbst Gott nur für den Menschen Gott ist, als Metapher der Transzendenz, möchte ich anhand von Zitaten aus seinen Predigten zeigen. Zugleich möchte ich mit ihnen den rastlosen modernen Menschen eine Ahnung davon vermitteln, wie Sinn gebend und Sinn erfüllend ein Leben sein kann, das um Seinserfahrung ringt und dabei die Kraft und das Glück einer in sich ruhenden Innerlichkeit erfährt, die sich der ringsum angebotenen Zerstreuung entzieht.

Der von seinen Hörern überlieferte Gebrauch des Gottesbegriffs bei Meister Eckhart ist nicht einheitlich, doch die Tendenz, um die es ihm ging schon. Ich habe geschrieben (Text III/8), daß Gott für Unerschaffenheit und für das Schöpferische steht. Dies ist jetzt zu ergänzen: Gott ist uns die Metapher des Jenseitigen, als der (allen Dingen immanenten) Realität, die alle Denkbarkeit übersteigt und die wir nur in ihren (Aus-)Wirkungen und unseren Wertungen derselben, jedoch nicht in ihrem Sosein erfahren - "es sei denn, wir werden in ein Licht gerückt, das Gott selber ist". Das heißt: wenn wir in der Wandlung des Bewußtseins zum Bewußt-Sein eine reine, uninterpretierte Seinserfahrung machen. In ihr hören wir das wortlose Wort, denn "Gott ist eine Sprache ohne Sprache und ein Wort ohne Wort." "Wer (aber) diese (notwendig paradoxe) Rede nicht versteht, der beschwere sein Herz nicht damit." (Doch) "könntet ihr mit meinem Herzen denken, ihr verstündet wohl, was ich sage, denn es ist wahr, und die Wahrheit redet sich selber." (Meister Eckhart)

"Willst du also ohne Sünde und vollkommen sein, so schwätze nicht von Gott! Du sollst auch von Gott nichts verstehen, denn Gott ist über allem Verständnis." Denn alles Verstehen zielt darauf, Fremdes in Relation zu Eigenen zu setzen. Darum: "Gott muß sich mir selber zu eigen geben, so wie er selber ist, oder mir wird nichts, und mir gefällt nichts. Wer ihn also ganz empfangen will, muß vorerst sich selber ganz hingegeben haben und aus sich selbst heraus gegangen sein." "Die Seele besitzt eine Fähigkeit, alle Dinge zu erkennen, darum hat sie keine Ruhe, sie komme denn in die oberste Vorstellung, wo alle Dinge Eines sind. Und dort findet sie Ruhe und das ist in Gott." (Meister Eckhart)

© HILLE 2000


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