Autismus als Forschungsgebiet

Formen des Autismus

Anmerkungen zur Sendereihe von 2005 "Expedition ins Gehirn"



Einerseits hat das Hirn von Haus aus kein Wissen, andererseits ist es ein rational arbeitendes Organ, das uns in der Jugend Warum- und später Sinnfragen stellen lässt. Dazu sammelt es die durch die Sinne hereinkommenden Daten und verarbeitet sie systemisch zu einem plausiblen Weltbild. Aber es speichert auch das körperliche Wissen um eingeübtes Verhalten. Weltbild und Verhaltensweisen sind uns als Erwachsene jedoch so selbstverständlich, dass wir gar nicht bemerken, was das Hirn trotz seines prinzipiellen Nichtwissens Großartiges leistet. Erst wenn Gehirnregionen oder neuronale Verbindungen ausfallen, wird man sich dieser Leistungen bewusst, weshalb die Gehirnforschung sich vorzugsweise mit solchen Defiziten befasst. Ein ihr immer interessanter werdendes Forschungsgebiet ist der Autismus mancher Menschen, vorzugsweise Männer, die durch Fehlen höherwertiger kognitiver Fähigkeiten gegenüber ihrer Mitwelt isoliert sind. Sie leben abgeschottet wie unter einer Glasglocke, was das gemeinsame Kennzeichen aller Autisten ist. Ansonsten ist ihr Erscheinungsbild sehr individuell. Allen aber fehlt das Selbstverständnis als Grundlage von Empathie und sozialen Verhalten, weshalb sie im Alltag oft versagen. Dafür besitzen sie systemische Fähigkeiten. Bei entsprechender Begabung flüchten sie sich in die Mathematik, Physik oder Musik - Gebiete, die ihre eigene innere Logik haben, die ja dem Gehirn als rationales Organ angeboren ist. Diese Gruppe von Autisten nennt man "Asperger", nach einem Wiener Kinderarzt, der als Heilpädagoge der Kinderklinik der Universität Wien in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als erster dieses "Syndrom" beschrieb. Die von ihrem Spezialthema besessenen sog. "Genies" sind als Sozialpartner oft eine Katastrophe - wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten, wie der Volksmund weiß. Albert Einstein* ist ein typischer "Asperger", mit allen Merkmalen eines solchen, weshalb Teil (2) der Sendereihe "Expedition ins Gehirn" auch "Der Einstein-Effekt" heißt. Selbstanalyse in einem seiner Reisetagebücher: "Glasscheibe zwischen Subjekt und anderen Menschen. Unmotiviertes Mißtrauen. Papierene Ersatzwelt." Familiär ein Desaster, in der Physik zwanghaft zum Systemisieren neigend, leugnete er heftig die Rolle des Beobachters und damit des spezifisch Menschlichen in der Wissenschaft, weil es ihm am Selbstverständnis mangelte. Oder er war strikt gegen die Unschärfe und den Zufall in der Quantenmechanik, weil Asperger keine Zweideutigkeiten vertragen. Für sie zählt nur das klare Mess- und Berechenbare. Selbst Gott mochte Einstein keine Entscheidungsfreiheit zubilligen. Und das Handwerkszeug des Physikers, die rein ideellen physikalischen Größen, wie Raum (Längen), Zeit, Masse und Energie, behandelte er gleich als die physikalischen Gegenstände selbst ("Papierene Ersatzwelt"), weil er sich nicht nur nicht in die Gefühle andere Menschen hineinversetzen konnte (János Plesch, sein Arzt: "Er lacht, das ist seltsam, auch wenn andere weinen"), sondern auch nicht in die Andersartigkeit der realen Welt - zum Ausgleich war er ein Meister in Gedankenexperimenten, während ihn reale Experimente kaum interessierten. Wer weis, was Autismus bedeutet, versteht mühelos den meist negativen Hintersinn der Worte Einsteins, der aufgrund seiner Disposition ein nach rückwärts gewandtes Anliegen hatte. Viele Menschen empfanden und empfinden dies als unerklärlich und deshalb als "genial", weil sie ganz richtig merken, dass es mit der Struktur von Einsteins Gehirns zu tun hat, das einfach anders denkt. Doch erst die Autismusforschung zeigt auf, was es damit für eine Bewandtnis hat. Die relativ geringe Größe von Einsteins Gehirn von ca. 1.230 Gramm an der unteren Grenze menschlicher Gehirne und das Fehlen der Zentralfurche Sulcus ist ebenfalls kein Anlass, mit ihm zu protzen. (Ich vermute: um die Konturen seines Kopfes zu verwischen und ihn größer erscheinen zu lassen, kam Einstein mit gesträubten Haaren daher. Das zähle ich zu "Einstein verstehen".)

Neben den autistischen "Aspergern" gibt es noch eine andere und weit bemerkenswertere Gruppe mit einem sog. "milden Autismus": "die Savants", frz. "die Wissenden", oft auch "geniale Idioten" genannt, die jedes Buch auswendig hersagen können, das sie einmal gelesen haben, aber vielleicht nichteinmal in der Lage sind, sich die Zähne zu putzen. Oder die zu jedem Datum sofort den Wochentag wissen oder jede Primzahl kennen. Oder die Mengen von Gegenständen mit einem Blick zuverlässig zu erfassen vermögen, die also, wie die Asperger, auf Zahlen fixiert sind. Dustin Hoffman hat im Film "Rainman" einen solchen, im Alltag hilflosen Savant großartig gespielt. Kim Peek (rechts) mit Vater Seinem lebenden Vorbild aus Salt Lake City, Kim Peek, dessen Hirn so groß ist, dass sein Kopf gestützt werden muss, wovon das Bild mit seinem Vater (links) eine Ahnung vermittelt, fehlt die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften, das Corpus Callosum. Jede Doppelseite eines Sachbuches braucht er sich nur einmal 8 Sekunden lang anzusehen. Er liest die Seiten nicht, sondern prägt sie sich optisch ein und zwar beide Seiten zeitlich parallel mit je einem Auge - und wird trotzdem nie ein Wort vergessen. Daneben kennt er Geschichtsdaten, Busverbindungen, das Straßennetz der USA und Kanada, das Fernsehprogramm, die Telefonvorwahlen und die Postleitzahlen. Seine beispiellosen Fähigkeiten haben ihm den Spitznamen "Kimputer" eingebracht - die Verbindung von "Kim" und "Computer". Außerdem ist er, wie Mozart, der vermutlich ebenfalls ein Savant war, im Besitz eines absoluten Gehörs, weshalb man ihn in kein Konzert mitnehmen kann, weil er sofort jeden falschen Ton lautstark reklamieren würde. Andere Savants können Bilder von Städten oder Tieren fehlerlos aus dem Gedächtnis abrufen und darstellen bzw. formen oder sie oder sind wahre Rechenkünstler, obwohl sie nie wirklich rechnen. Sie haben einen unmittelbaren Zugriff auf die Ratio des Gehirns und sehen die Zahlen fertig vor sich, sind so oft schneller als ein Computer. Oder ohne das Musizieren erlernt zu haben, spielen sie alles, was sie jemals gehört haben fehlerfrei oder komponieren sogar selbst - Wunderkinder eben. Bei Savants und Asperger kommen also die uns sonst unbewussten Fähigkeiten des Gehirns - Daten gewissenhaft zu sammeln und sie rational zu verarbeiten - ungefiltert zum Tragen. Autismus ist für mich keine Krankheit, sondern eine angeborene oder durch Unfall erworbene Anomalie des Gehirns, die daher auch nicht geheilt werden kann und die den Betroffenen eine eigene Welt beschert. Autisten können bestenfalls lernen, mit ihren Defiziten umzugehen, soweit sie denn einsichtig sind. Aber uns "Normalen" geben sie einen tiefen Einblick in das, von dem wir leben und das wir doch immer noch zu wenig verstehen: das Gehirn. "Die Savants stellen ein einmaliges Fenster ins menschliche Gehirn dar. Solange wir das Savant-Syndrom nicht verstehen, werden wir niemals verstehen, wie unser Gehirn funktioniert." ("Dr. Darold Treffert, seit den 60er Jahren der weltweit führende Autismus-Experte und wissenschaftlicher Berater dieser Fernsehreihe")

Aristoteles, der erste und bedeutendste aller Wissenschaftsphilosophen, nannte den Menschen ein "Zoon politicon", also ein Lebewesen, das in Gemeinschaft mit anderen existiert und das erst in ihr seine mentalen Fähigkeiten entwickeln kann. Sprache bedurfte zu ihrer Entstehung des Zuhörers. So leben Autisten, auch als Asperger und Savants, zwar unter uns, aber nur wenig mit uns. Die Daten sammelnde und verarbeitende Basis des Gehirns, die sich bei Savants besonders eindrucksvoll bemerkbar macht, lässt viele Gemeinsamkeiten des Gehirns mit dem Computer erkennen - aber der Savant in seiner Erscheinung macht eben auch deutlich, dass das, was das spezifisch Menschliche ausmacht und ohne das wir nicht überleben können: die soziale Kompetenz, erst oberhalb der von ihm bzw. vom Computer beherrschten kognitiven Ebene entsteht. Auch wenn diese "Genies" mit Tunnelblick uns noch so faszinieren - so machen gerade sie, sowohl mit ihren positiven wie mit ihren negativen Besonderheiten, uns auf die große Bedeutung der friedlich machenden sozialen Fähigkeiten für das Leben und Überleben aufmerksam. Die Fähigkeit zur Empathie, als vertiefte Wahrnehmung von der Evolution zum Schutz des Individuums entwickelt, ist zugleich Grundlage gegenseitigen Verstehens, eine entscheidende Fähigkeit, die Autisten fehlt, denen es ebenso an der Eigenwahrnehmung mangelt und damit auch an selbstkritischen Denken und Verhalten. Die sozialen Fähigkeiten sind es daher, die unsere größte Aufmerksamkeit verdient und die es zu auszubauen gilt. Das mechanisch abrufbare Wissen und das monotone Systemisieren können wir getrost den Computern überlassen. Aber an unserem Menschsein gilt es zu arbeiten, damit es zu einem friedvollen Miteinander kommt, auch mit der Natur, von der wir leben. Das so in Mode gekommene Schwärmen für das Genialische, besonders Einsteins, ist nicht nur nicht hilfreich, sondern lässt uns das lebensnotwendige kritische Bedenken unserer Motive und Handlungen versäumen, oder wie Nietzsche hellsichtig schrieb: "Nichts ist schädlicher einer guten Einsicht in die Cultur, als den Genius und sonst nichts gelten zu lassen. Das ist eine subversive Denkart, bei der alles Arbeiten für die Cultur aufhören muß." (aus seinem Nachlaß Frühling-Sommer 1878)

*s. auch "Einstein als Autist" Datei (I/B7a) Anhang 2 und "Rätselhafter Einstein" Datei (I/B8a) ab Essay (5)

© HILLE 2006
einige Ergänzungen und Links aktualisiert Okt. 2008

Internetquellen zum Thema
Der Sender ARTE und danach weitere TV-Sender strahlten seit Anfang 2006 (3SAT wieder im Juni 2008) die dreiteilige Sendereihe "Expedition ins Gehirn" aus, die sich mit Autismus als Forschungsquelle befasst, wobei besonders die berühmtesten Savants vorgestellt wurden. Die Sendefolge über "die Asperger" heißt ausdrücklich "Der Einstein-Effekt". Was der Genieforschung verwehrt war, Einsteins Persönlichkeit zu analysieren (s. (III/4/SPIEGEL SPECIAL/Zur Genieforschung)), schafft die Autismusforschung ohne Mühe. Im Script zur WDR-Sendereihe Quarks & Co heißt es daher auf S.17 (s. unten): "Selten habe Wissenschaftler von einer Krankheit soviel über den Menschen gelernt wie bei der Erforschung des Autismus. Gerade für die Hirnforschung ist der Autismus eine Chance, das Denken und Fühlen der Menschen besser zu begreifen...." - Eine englischsprachige Version fand sich auf der Website der Wisconsin Medical Society mit dem führenden Savantforscher Dr. Darold Treffert, der auch wissenschaftlicher Berater der Sendereihe war.* - Alle zu Worte kommenden Forscher, darunter Prof. Dr. Gerhard Roth von der Universität Bremen und Prof. Michael Fitzgerald vom Trinity College Dublin, sind sich einig, dass nicht ein zuviel an Gehirn, sondern erst Gehirndefekte diese Inselbegabungen zu "Genies" machen. Einen etwas anderen Einblick gibt DIE ZEIT in einem Artikel von 2003, auf den mich ein freundlicher Leser meiner Seiten hinwies. - Der "Einstein-Effekt" wurde am 9. Dezember 2011 von 3SAT erneut gesendet. - Am 8. April 2014 wiederholte Sendung aller drei Teile auf 3SAT.

alle Bildrechte beim WDR Unter dem Titel "Hilflos hochbegabt" bzw. "Autismus - wenn Denken einsam macht" brachte der WDR in seiner Sendereihe "Quarks & Co" eigene Recherchen zum Thema. Nachdem unter der ursprünglichen Adresse die Sendung nicht mehr auffindbar, war, habe ich auf Anfrage hin vom WDR am 23.06.2008 die Auskunft erhalten, dass der Inhalt der Sendung im Internet unter diesem Link beschrieben ist. Von dort über Web TV/weitere Beiträge/Sendung vom 22.05.2007 oder direkt unter dem Link ist die Sendung im Web TV immer noch zu sehen, ggf. dazu unter >>Savant<< suchen. (Dort ist jetzt auch noch die Sendung mit der Autistin Nicole Schuster vom 28.04.2009 zu sehen.) Auch ein Selbsttest ist möglich. Ferner teilte man mir mit: "Und es ist ein Script erschienen, das Sie wie folgt bestellen können: Beschriften Sie einen C5-Umschlag mit Ihrer Adresse und mit dem Vermerk "Büchersendung", legen Sie einen europäischen Antwortschein im Wert von 2 Euro dazu und schicken Sie ihn in einem normalen Briefkuvert an: WDR Fernsehen, Quarks & Co, Stichwort: „Autismus", 50612 Köln. Haben Sie aber bitte etwas Geduld, der Versand ist oft überlastet. Bleiben Sie uns treu, Ihr Quarks & Co - Team, http://www.quarks.de."

*nach Veröffentlichung dieser Seite am 18.05.06 sind die Zugriffe aus den USA stark angestiegen, zeitweise bis 15%. Besonders aktiv ist seitdem die Universität von Wisconsin. Auch am 19.09.06 noch 8% Zugriffe aus 4 US-Staaten. Auch danach noch lange anhaltend oder wieder aufflammend.

Am 20. bzw. 21.01.2009 ermittelte google zu Einstein + Savant 1.560.000 Fundstellen im Netz, zu Einstein + autism 909.000 und zu Einstein + Autismus 19.100 Fundstellen (zusammen fast 2,5 Millionen allein englisch- und deutschsprachige Fundstellen!), wobei meine Seite zum Thema oft die erste ist. Die stark zunehmende Differenz zwischen den englischen Fundstellen und den deutschen zeigt, dass die Diskussion über Einsteins Autismus im Ausland schon viel verbreiteter ist als bei uns, wo sie immer noch eher als üble Nachrede angesehen wird, bei wenig Verständnis dessen, was Autismus ausmacht.

Meldung 1
Ab Mitte April 2010 berichtete ich auf www.museumsart.de in meiner Kolumne "Philosophische Sentenz des Monats" (danach im dortigen Archiv von 2010) über 2 in den USA lebende eineiige Zwillingsschwestern mit Savantsyndrom, über deren Fähigkeiten des Erinnerns sich selbst Dr. Darold Treffert wunderte. Der Sendung entlehnter Titel meines Kommentars zum TV-Bericht: "Zwei Menschen, die die Welt noch nie gesehen hat…" Bemerkenswert für mich ist darüber hinaus, dass sie derart synchron bzw. sich so ergänzend sprechen und handeln, als wären sie eine einzige Person und nicht wirklich getrennt, was man physikalisch eine Verschränkung nennt als Folge ihrer gemeinsamen Genese. (s. auch "Tanz der verschränkten Quanten", eine weitere philosophische Sentenz, auch auf (L9a) dieser Homepage)

Meldung 2
Anlässlich der internationalen und interdisziplinären Konferenz in Paris vom 24. bis 25. Juni 2010 über das bisher noch zu wenig erforschte Problem des Gähnens berichtet die FAZ vom 20. Juni 2010, Seite 53: "Hirnforscher haben außerdem nachgewiesen, dass beim ansteckenden Gähnen die Spiegelneuronen aktiv sind. ... Empathie macht uns zu sozialen Mitgähnern. Gestützt wird diese These durch Versuche des japanischen Neurologen Atushi Senju. Er stellte fest, dass sich Autisten vom Gähnen nicht anstecken lassen. Auch Schizophrene scheinen größtenteils immun." Das bestätigt, was im Heft 4/2006 der "MaxPlanckForschung" zu lesen war, dass "Schizophrenie und Autismus möglicherweise gemeinsamen Ursachen haben," wie auch meine Analyse des Autismus ergibt, dass beide zum gleichen Formenkreis gehören.

Meldung 3
In einer aktuellen TV-Sendung im November 2011 über Autismus mit Dr. Darold Treffert wurde berichtet, das Kim Peek, der 12000 Bücher auswendig konnte, inzwischen verstorben sei. Lt. Wikipedia starb er am 19. Dez. 2009 im Alter von 58 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Meldung von n-tv: "Der wahre 'Rain Man' ist tot."



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