Um mich auch mit den neuen Eigentumswohnungen in Weilheim/Oberbayern vertraut zu machen, vereinbarte ich mit dem Verwalter und Hausmeister der kleinen Wohnanlage ein Treffen. Als ich bei schönem Wetter dort eintraf, kam er mir schon entgegen, allerdings flankiert von zwei dunkel gekleideten und ernst blickenden Herren, und sagte mir, dass er jetzt leider keine Zeit habe, weil er mit diesen zwei Herren etwas besprechen müsse. Ohne mir da viele Gedanken zu machen, solche Gesprächspartner vielleicht für eine Weilheimer Besonderheit haltend, ging ich dann allein durch die Anlage. Etliche Tage danach sah ich zuhause in der Sendung "Aktenzeichen xy - ungelöst" eben eine Darstellung dieser Szene mit dem wackeren etwas untersetzten Hausmeister, der mit einer auffällig großen hellen Schürze bekleidet war, an die ich mich aber nicht erinnern konnte, in Zusammenhang mit der Suche nach den Tätern eines Diebstahls aus dem Waffendepot einer Bundeswehrkaserne in Meiling, Maisach o.ä. in Oberbayern, die es wahrscheinlich heute gar nicht mehr gibt. Es war die hohe Zeit der RAF und man vermutete, dass sie sich hier mit Waffen eingedeckt hatte, weshalb das Bundeskriminalamt in Wiesbaden eingeschaltet worden war. Auf den Hausmeister war man gekommen, weil der von den Tätern eingesetzte Schließzylinder des ausgeraubten Depots zur Schließanlage seiner Weilheimer Wohnanlage gehörte, was man anhand der Zylindernummer hatte feststellen können. Jemand musste im Depot den Schließzylinder vor oder nach dem Diebstahl eingesetzt haben. Jedenfalls hatte der Verbleib des Zylinders im Schloss wohl den Zweck, die Entdeckung des Diebstahls zu verzögern, um so den nötigen Vorsprung zu gewinnen. Eine ungesicherte Tür wäre der nächsten Streife sicher gleich aufgefallen. So aber blieb der Diebstahl die ganze Nacht unentdeckt. Aber es war trotzdem auch ein schwerer Fehler der Diebe, keinen ganz normalen Schließzylinder verwendet zu haben. Vielleicht wussten sie einfach nicht, dass man die Schließzylinder einer Schließanlage anhand ihrer eingeprägten Nummer identifizieren kann oder sie hatten nicht gründlich genug gefeilt. Nun war also der arme Hausmeister für die Beamten des Bundeskriminalamtes der wichtigste Zeuge, der für sie schnell zum Hauptverdächtigten wurde. Sie fanden einfach niemand anderes und es war für mich typisch von Leuten, die mit Baustellenusancen nicht vertraut waren. Außerdem wird doch kein Hausmeister so dumm sein, für ein solches Verbrechen einen Schließzylinder der eigenen Wohnanlage zu verwenden! Kurze Zeit später liefen mir diese ratlosen Kriminaler dann im Büro der Oberbauleitung, zu der ich gehörte, erneut über den Weg. Ich stieß fast mit ihnen zusammen, als sie zu meinem Chef eilten, um sich kundiger zu machen. Das war dann wieder typische Beamtenmentalität: der Glaube, wer höher im Rang steht, der weiß auch mehr. Dabei sind gerade diese Oberen meist schon lange von der Praxis entfremdet oder hatten sie gar nie und hören von ihren Leuten vor Ort oft nur Geschöntes. Schon die Befragung des örtlichen Bauleiters war für die Kriminaler wohl nicht besonders aufschlussreich gewesen, da dieser stark religiöse und eher misstrauische aber ansonsten recht tüchtige Kollege (inzwischen verstorben) wohl gerade deshalb mehr darauf bedacht war, keinen Schuldverdacht auf sich oder seine Arbeitgeber fallen zu lassen. Wir werden noch sehen warum.
Für mich als ehemaliger langjähriger Bauleiter aber war eigentlich sofort klar, wo man hätte suchen müssen und was sich nach Jahren auch bestätigte. Die Praxis einer auslaufenden Baustelle ist einfach die, dass man wichtigen Firmen der Fertigstellung den Schlüssel zu einem der allgemeinen Kellerräume gibt, damit sie dort ihr noch benötigtes Werkzeug und Restmaterial lagern können, schon um bei Reklamationen der frisch eingezogenen Mieter bzw. Eigentümer beides schnell zur Hand zu haben. Zu diesem kleinen Personenkreis gehören vor allem Elektriker und Maler, vielleicht auch mal Fliesenleger. Man hätte also gleich die entsprechenden Handwerker des Hauses, dem der verwendete Schließzylinder zuzuordnen war, unter die Lupe nehmen müssen. Dabei kamen da nur wenige, dem Bauleiter meist gut bekannte und vertrauenswürdig erscheinende Personen in Frage, denen er einen Schlüssel ausgehändigt hatte, mit dessen Hilfe dann ein Schließzylinder ausgebaut werden konnte. Der Schlüsselbesitzer musste zwar nicht unbedingt gleich selbst zu den Dieben gehören, aber doch mit ihnen in Verbindung stehen. Und wieso will am Ende der Baustelle niemand vom Fehlen eines Schließzylinders der Schließanlage gewusst haben bzw. machte sich niemand Gedanken über den Verbleib eines solchen? Ein beiläufiger Ersatz war gar nicht möglich, schon weil für seine Nachbestellung der Schließschein benötigt wird, der ja in der Regel nicht irgendwo herumliegt. Hier hatte der Bauleiter sicher eher etwas zu verbergen als der Hausmeister, denn er muss für vollständige Schlüsselübergabe sorgen, weshalb er sich wahrscheinlich unwissend stellte. Oder weil es sich für den Münchner Bauleiter um eine auswärtige Baustelle handelte und er noch andere betreuen musste, hat er zwangsläufig einiges dem vor Ort anwesenden Hausmeister überlassen müssen, was zu Unklarheiten führte, wer was veranlasst hatte und dann verantwortlich war. Möglicherweise war der Bauleiter aber auch einfach nur geschickter darin, seine Verantwortung zu vertuschen, weshalb der Hausmeister zum Verdächtigen wurde. Da ich ja trotz der zweimaligen Begegnung mit den Detektiven von ihnen nicht befragt wurde und ich auch nicht zum Kreis der schnell zu unrecht Verdächtigen gehören wollte, behielt ich meine Sicht der Dinge lieber für mich. Denn wer etwas weiß, weiß schon zuviel, um ihn unverdächtig erscheinen zu lassen. Und die Kollegen hätten mich bestimmt nicht ernst genommen und gespottet: Herr Hille, wie wollen Sie etwas von dieser Baustelle wissen? Das nicht. Aber ich kann mich auch heute noch gut erinnern, wie das am Ende einer solchen immer zwangsläufig zugeht.
Nach etlichen Jahren bestätigte sich dann, was ich gleich zu Anfang vermutet hatte: es war der Elektriker (kam dann wohl auch in Aktenzeichen xy-ungelöst). Auch die Waffen wurden alle fein säuberlich verpackt in einem Gehöft wieder gefunden. Also nichts mit RAF. Die Diebe wollten sie wahrscheinlich ins südöstliche europäische Ausland verscherbeln, hatten aber nicht mit diesem Fahndungsdruck gerechnet, der sie dann entmutigte.
Es muss im Spätsommer des Jahres 1951 gewesen sein. Die Baufirma bei der ich als Ingenieur-Praktikant auf der Baustelle tätig war, hatte den Auftrag, die Mensa der Münchner Universität zu bauen. (Diese relativ kleine Mensa an der Veterinärstraße gibt es schon lange nicht mehr.) Es war an einem Wochentag. Nach Feierabend verließ ich die Unigebäude und trat auf die Ludwigsstraße hinaus. In diesem Moment raste mein Onkel mit seinem Dienstwagen in Richtung Stadt an mir vorbei. Autos waren damals eher noch selten, weshalb sein noch dazu schneller Wagen nicht zu übersehen war. Was war los? Onkel Arnold* war Direktor des Münchner Arbeitsamtes und ich hätte ihn eher gelassen in Richtung Schwabing fahrend erwartet, wo er wohnte. Doch dem Arbeitsamt waren seine sämtlichen Gelder gestohlen worden! Nicht nur das Stempelgeld für die wöchentliche Auszahlung der Arbeitslosen, sondern auch die monatlichen Lohngelder für die Angestellten, denn man zahlte ja noch mittels Lohntüte. Zusammen für damals eine große Summe. Die Diebe hatten das also gewusst. Auch hier lag kein Raub durch Anwendung von Gewalt vor, sondern ebenfalls ein Schlüsseltrick. Die Täter waren freundlich grüßend in der staatlichen Bank zum Tresor des Arbeitsamtes gegangen, schlossen ihn in aller Ruhe auf und nahmen alles Geld mit, was sie fanden. Wie war das möglich? Onkel Arnold war schon schnell klar, wie das hat passieren können und er legte es auch schriftlich nieder. Aber da war wieder die Unwissendheit der Kriminaler, die mit den Gepflogenheiten eines Betriebes nicht vertraut sind. Sie verdächtigten lieber alles und jeden und so letztlich auch Onkel Arnold und mich. Ein eingeschalteter Privatdetektiv, ein kleiner zäher Mann, wollte sich wohl eine Belohnung verdienen und kam mehrmals in die Wohnung meines Onkels am Kaiserplatz und stellte uns allerhand mehr oder weniger dumme Fragen.
Nach den Überlegungen von Onkel Arnold muss einer jener Kassierer, die einen Schlüssel zum Tresor hatten, diesen heimlich im Gang des Arbeitsamtes, wo ja auch viele Arbeitslose herumliefen, z.B. auf dem Weg zur Toilette einem Vertrauten oder Verwandten bei einer Begrüßung unbemerkt in die Hand gedrückt und auf auch diesem Wege wieder zurückerhalten haben. Pech nur, dass Onkel den falschen Kassierer verdächtigte. Jedenfalls wurde das Rätsel so schnell nicht gelöst, letztlich jedoch aufgeklärt. Also auch hier hat sich die Tat nicht nur nicht gelohnt (die Täter, die meiner Erinnerung nach zu 2 Familien gehörten, hatten sogar noch Kredite aufgenommen, um ihre plötzlichen Sonderausgaben zu rechtfertigen), sondern den Schuldigen Jahre der Freiheit gekostet. Beide Fälle zeigen, dass man zwar mit etwas Insiderwissen und logischen Kalkül schnell auf die Verdächtigen kommt. Aber sie auch zu überführen bleibt trotzdem die schwere Aufgabe der Polizei.
aus meinen Erinnerungen
Wie mich der Atem der Kriminalgeschichte streifte
drei historische Fälle und ein aktueller mit Bildbericht
sowie ein Bootsunglück mit Folgen
April 2010 neu!
Ich verlasse mich aber lieber auf das Schlechte in ihm.
Alfred Polgar. Im Lauf der Zeit.Waffendiebstahl in einer Bundeswehrkaserne
Jetzt ist mir noch eingefallen, dass ich schon Anfang der fünfziger Jahre bereits einmal mit einer spektakulären Tat unfreiwillig in Verbindung kam und dazu sogar von einem Privatdetektiv ausgehorcht wurde.
Diebstahl der Gelder des Münchner Arbeitsamtes
*MdL Dr. Arnold Hille
Die Oetker-Entführung von 1976
Als im Fernsehen vor Monaten wiedereinmal Richard Oetker zu sehen war, der prinzipiell nicht über seine am 14. Dezember 1976 erfolgte Entführung spricht, erinnerte ich mich, dass dieser spektakuläre Kriminalfall mich nicht nur als Mensch und als Münchner besonders berührt hatte. Ich kannte mich auch in Weihenstephan in Freising bei München einigermaßen aus, war jedes Jahr öfters dort, und konnte mir so die Entführungsszene auf dem Parkplatz der Technischen Universität gut vorstellen. Besser aber noch als die Polizei kannte ich mich mit dem Ort der Lösegeldübergabe im Untergeschoss des Münchner Stachus aus. Als Ingenieur hatte ich mich besonders für die vielen großen Tiefbaumaßnahmen in den siebziger Jahren im München interessiert, so auch für das Tiefbauwerk des verkehrsreichsten Platzes in München, dem Karlsplatz, besser bekannt als "Stachus". Als Schnittpunkt wichtiger Straßenbahnverbindungen mit allen Linien der S-Bahn, ist es sehr umfangreich ausgebaut. Unterhalb des Fußgängergeschosses mit Läden und Zugängen zu 3 den größten Kaufhäusern der Stadt, gab es auch von mir öfters benutzte Tiefgaragen. Aus diesen führen Fluchttüren in einen Gang, der zwischen den rohen Betonbohrkernen der Baugrube und der geschalten Wand der Tiefgarage verläuft. Aus baulicher Neugier hatte ich mir das einmal angesehen. Die Fluchtgänge führen in das Passanten- und Ladengeschoss darüber. Im Gegensatz zu den Tiefgaragengeschossen sind dort die Fluchtüren nur vom Gang aus zu öffnen, schon dass sich da kein Passant hinein verirrt. Das nutzte der Entführer Dieter Zlof und beorderte den Lösegeldübergeber August Oetker direkt neben eine solche Stahltür im belebten Fußgängergeschoss. "Durch die Fluchttür (für die darunter liegenden Etagen) greift Zlof sich den Aluminium-Koffer* mit den 21 Millionen und verschwindet, ohne das es den Zivilfahndern gelungen wäre, die Tür von außen zu öffnen." (SPIEGEL ONLINE) Also auch hier eine Art Schlüsseltrick. Mir wäre das nicht passiert, wenn genügend Zeit gewesen wäre, das zu organisieren, denn 1. hätte ich mir den Schlüssel besorgt und 2. hätte ich Posten an den infrage kommenden Zu- und Ausgangstüren postiert. Doch in dem großen Gangwerk mit mehreren Etagen wäre es sicher auch nicht so einfach gewesen, den Entführer zu fassen, und sehr wahrscheinlich war es ja auch gut so, dass Zlof schnell in den Besitz des Geldes gekommen war und er deshalb den durch einen Stromschlag in seinem Versteck schwer verletzten Eichard Oetker noch am Abend frei lassen konnte.
*Soviel ich weiß, musste der Koffer eine bestimmte Größe haben, um in das vorbereitete Versteck im Wagenboden zu passen. Anhand des Koffervolumens hat Zlof dann die Höhe des Lösegeldes berechnet. Koffer voll = 21 Millionen à 1000 DM da.
Damit war aber meine Konfrontation mit dem Oetkerfall noch nicht beendet, ganz abgesehen davon, dass ich, ebenso wie alle anderen, später bei der Einzahlung von Eintausendmarkscheinen am Bankschalter beargwöhnt wurde und die Seriennummer des Geldes geprüft wurden, obwohl die Scheine doch immer von einer Bank stammten (ich lies mir dann keine Tausender mehr geben). Meine sehr verehrte Tante Anni (Anni Hille) hatte wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag, den 26. Dezember, den engsten Familienkreis zum Abendessen in ein schönes Restaurant eingeladen. Wegen der Weihnachtsfeiertage waren jedoch viele Gaststätten in der Nähe ihrer Wohnung wegen der ausländischen Inhaber geschlossen, da diese zu Familienfeiern in ihre Heimatländer gereist waren. So hatte Tante 1977 etwas außerhalb vom Münchner Westen, wo sie wohnte, in Germering im Hotel Restaurant Meyer uns Plätze reservieren lassen müssen. In ihrer Wohnung schon etwas vorgefeiert kamen wir gegen Abend gelöst dorthin. Ich sehe noch heute mehrere hauptsächlich in Schwarz gekleidete nicht gerade schlanke Bedienungen wortkarg um den Schanktisch herumstehen - eine statische und bedrückende Szene. Sie warteten dort wohl auf die Getränke bzw. das Essen. Da war nirgends etwas Fröhliches. Dann erfuhren wir, dass im Restaurant im Jahr zuvor der Übergeber des Lösegeldes für Oetker auf den Anruf des Entführers gewartet hatte (damals gab es noch keine Handys). Angesichts des schweren Schicksals von Richard Oetker hat uns die unerwartete Konfrontation mit dem Leidensweg des sympathischen jungen Mannes doch sehr berührt. Auch heute kann ich noch nicht ohne innere Bewegung an seine skrupellose Entführung denken, wo ich doch noch die Bilder von ihm und den Tatorten vor Augen habe.
Das Phantom von Heilbronn und kein Ende
Auf der eigenen Spur ausgerutscht
Als Robinson Crusoe wiedereinmal zum Strand seiner einsamen Insel ging erschrak er heftig, denn er fand dort Fußspuren, wo er doch dachte auf der Insel, auf die es ihn als Schiffsbrüchigen verschlagen hatte, allein zu sein. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, trat er näher und sah sich die Spuren genauer an: Und siehe da, es waren seine eigenen! Da war die Erleichterung natürlich groß. - Als die Quantenforscher Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Daten analysierten, blieb stets ein unerklärlicher Rest. Etwas Unbekanntes musste seine Spuren hinterlassen haben. Und eines Tages entdeckten sie wie Robinson: es waren ihre eigenen! Bei aller Beobachtung gibt es auch immer eine Rolle des Beobachters und sei es nur die seiner Instrumente. Dies bedacht zu haben, führte zu der Formulierung der so erfolgreichen Quantenmechanik in der Kopenhagener Deutung. - Als der SOKO Parkplatz in Heilbronn bei der Suche der Mörderin der Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter an den unterschiedlichsten Orten bei den unterschiedlichsten Verbrechen über Jahre hinweg immer wieder die gleichen DNA-Spuren gemeldet wurden, ohne dass je ein einziger Zeuge eine infrage kommende Person gesehen hatte, die dadurch immer mehr zum Phantom wurde, begann es den Verantwortlichen zu dämmern: es könnte ja ihre eigene Spur sein, die sie verfolgten, nämlich die der von ihnen benutzten Instrumente, und auf der sie ausgerutscht sind, was zuzugeben natürlich ungeheuer schwerfällt. Die Wattestäbchen, mit denen die DNA aufgenommen wurde, waren kontaminiert! Die gesuchte Person war wahrscheinlich eine polnische Rentnerin, die vor Jahren in Bayern solche Wattestäbchen verpackt hatte. Peinlich, peinlich! Und teuer! Und das ganz überflüssigerweise! Denn hätte man gleich am Anfang auch nur ein einziges unbenutztes Wattestäbchen getestet, dann hätte man sofort gewusst, woher die Spur stammte! Und/oder man testet nach jedem Gebrauch ein unbenutztes Wattestäbchen der gleichen Packung. Warum kam niemand auf eine so naheliegende Idee? Fehlt es an Ideen? Herrschte blindes Vertrauen in die neue Ermittlungstechnik? Oder war es einfach nur die bekannte schwäbische Knauserigkeit, die gern am falschen Ort spart?
Hier also noch ein akuter Fall der Kriminalgeschichte, das Phantom von Heilbronn, der mich diesmal als Bewohner dieser schönen Stadt streifte. Am 25. April 2007 "durfte" ich als Ohren- und Augenzeuge seine Geburt miterleben - stundenlang heulten Streifenwagen durch die Stadt und Hubschrauber knatterten über ihr, später besuchte ich den Tatort. Aufgrund spektakulärer Kriminalfälle mit Jugendlichen 2009, gerade in Baden-Württemberg, machte ich einen Vorschlag, in welche Richtung verstärkt nach den Tätern zu suchen wäre, bevor man jetzt dem Phantom der osteuropäischen Maffia ebenso chancenlos hinterherjagd. Den Maffiakillern fällt zwar ein Mord leicht, aber sie morden dann, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen, der sie die Auffälligkeit der Tat in Kauf nehmen lässt. Doch wo soll hier ein Vorteil für sie sein, ausgerechnet zwei Polizisten im Streifenwagen noch dazu in ihrer Pause und nicht bei einer polizeilichen Aktion erschießen zu wollen, der voraussehbar den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setzt? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Nach dem Krieg gab es einen berühmten Film mit dem Titel "Die Mörder sind unter uns". Vielleicht ist es auch diesmal der Fall. Vielleicht haben da auf der Theresienwiese Jugendliche gerademal nur eine Mutprobe oder Wette abgelegt?! Gaben ihnen virtuelle Killerspiele nicht mehr genug Kick? Hatte einer Tötungsphantasien wie der Amokläufer von Winnenden? Solche Vermutungen lassen eine ansonsten sinnlosen Tat noch am ehesten motiviert erscheinen. Meine beiden Überlegungen zum Phantom von Heilbronn und zur Jugendgewalt in Baden-Württemberg hatten ursprünglich nichts miteinander zu tun. Doch zusammengesehen ergaben sie plötzlich einen gemeinsamen Sinn. Also liebe SOKO, frei nach Goethe: Warum in die Ferne schweifen? Sieh nach! Das Böse liegt so nah.
Nachtrag
Siehe auch den skrupellosen Totschlag eines älteren Menschen auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs München-Solln am 12. September 2009, der die ganze Republik bewegte und der in München nicht der erste war. Auch hier ein mutiger Mann, der Jugendliche an einer Straftat hindern wollte, so wie in Heilbronn ein Rentner krankenhausreif mit bleibender Behinderung geschlagen wurde, der sich Jugendlichen entgegenstellten, welche die Gedenktafel für Michéle Kiesewetter zerstörten. Vorher zogen diese 3 Jugendlichen randalierend und vandalisierend langsam durch Heilbronn, ohne das ein Ordnungshüter eingriff, weil zu viele von ihnen zur SOKO Parkplatz abgezogen worden waren, die das Phantom von Heilbronn jagen sollte, jetzt das Phantom der russischen Mafia im anstehenden Fall. Und wegen der sprichwörtlichen Knauserigkeit ihres Staates werden es sowieso immer weniger Polizisten. Die FAZ dazu: "Wo ist eigentlich die Polizei? Die Zahl der Polizisten ist in den vergangenen neun Jahren in Deutschland um 9000 zurückgegangen." Und am 15. Sept. ebenfalls zum Mordopfer: "Eine erste Obduktion ergab, dass er 22 Verletzungen erlitt, bevor er starb. Sein Weg endete in einer Finsternis, vor der die Gesellschaft allzu lange die Augen verschlossen hat." (und die hier lieber im gewohnter Routine Phantomen hinterherjagd, anstatt sich mit den Verhältnissen vor Ort auseinanderzusetzen und die neue Wirklichkeit in Deutschland ernstzunehmen.) Die Schreckensmeldungen aus Süddeutschland lassen nicht nach. Schon 5 Tage später der Amoklauf eines 18-Jährigen in seinem Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach mit 10 z.T. Schwerverletzten. Wo führt das noch hin?
*Tatort rechts neben dem Trafohaus, Gedenkort am oberen Weg, zwischen den Bäumen

Ort des Geschehens*
die Gedenktafel

Ankunft der Großeltern
ihre Blumenniederlegung

Blumen der Polizei
stilles Gedenken der Prominenz

und der Kollegen
warten auf sie
auch am 25. April 2010 gabe es ein stilles Gedenken der Kollegen
und der Großeltern
Die nicht bemerkte Tragödie
Als mein Sohn Peter ca. 2 oder 3 Jahre alt war, es muss also 1968 oder 1969 gewesen sein, besuchten wir von München aus an einem sonnigen Sonntag die Familie meines Schwagers auf ihrem Campingplatz am Pilsensee, einem Nebensee des Ammersees in Oberbayern. Dabei traf meine Frau zum erstenmal nach ihrer Scheidung 1953 auf Karl, ihren ersten Mann, der mit Schwager Rudi befreundet war, die Kriegskameraden waren. Die beiderseitige Verlegenheit der einstigen Eheleute wurde noch dadurch vergrößert, dass Karl seinerseits seine neue Frau dabei hatte, die wir noch nicht kannten. Man tastete sich allseits vorsichtig ab, um der unerwarteten Situation Herr zu werden. Bei dem Gespräch erwähnte Karl, dass er beim Bootsverleiher ein Tretboot reserviert habe. Als mein Sohn dies hörte rief er spontan: "Ich will auch mit!" Natürlich wollte meine Frau dann ebenfalls dabei sein und ich mochte Frau und Kind nicht allein lassen. Zudem versprach eine solche Bootsfahrt eine Entspannung der etwas peinlichen Situation. Nun waren wir nicht nur 4 Erwachsene, sondern auch 2 Kinder, weil der 11- bzw. 12-jährige Neffe Gerhard, dem die Bootsfahrt wohl ursprünglich von Karl versprochen war, natürlich nicht ausgeschlossen werden konnte. Der Bootsverleiher, ein älterer Rentner, der sich beim Camping etwas dazu verdienen wollte, wies uns ein Boot zu und ließ uns einsteigen. Es war ein Rumpfboot und nicht eines der moderneren Tretboote mit Schwimmkörpern links und rechts, wo man auf einem Deck über dem Wasser sitzt. Karl und Gerhard strampelten vorn fleißig, um das Boot in Fahrt zu bringen, während meine Frau und ich, unseren Sohn in der Mitte, auf der Rückbank saßen. Entgegen meinem Wunsch hielt Karl den Kurs mehr parallel zum Ufer, war also vorsichtig (er wusste wohl warum, ich aber nicht). Bald merkten wir, dass Wasser ins Boot eintrat. Es kam vermutlich durch das wohl etwas ausgeleierte Lager der Antriebswelle, weil das Gefährt zu tief im Wasser lag und so das wahrscheinlich undichte Lager unter die Wasserlinie gedrückt war. Mir kam der Verdacht, dass das Boot überladen sein könnte, doch konnte ich nirgends einen Hinweis auf seine zulässige Tragkraft finden. Während Karl das Boot zur Rückfahrt scharf in Richtung See wendete, geriet es in Schieflage, Wasser schwappte über die Bordwand und es sank innerhalb einer Minute. Meine Frau und ich, durch das eigentlich falsche Wendemanöver dem rettenden Ufer nun am nächsten, fassten wortlos unser Kind links und rechts unter die Arme, hoben es aus dem Wasser und bewegten uns in Richtung des Ufers. Dabei hatte ich sogar noch Bodenkontakt, so dass nichteinmal meine Mütze naß wurde, was ich hinterher bemerkenswert fand. Ich brauchte also nicht zu schwimmen, ruderte nur mit einem Arm vorwärts. So kamen wir nass aber entspannt am Ufer an, wo schon Zuschauer standen und uns heraushalfen. Mit uns selbst beschäftigt hatten wir aber nicht bemerkt, welche Tragödie sich hinter uns abspielte. Karls neue Frau, die Fanny, konnte nicht schwimmen! Und da sie relativ klein war, fand sie auch keinen Boden unter den Füßen und geriet in Panik, in der man alles falsch macht. Nach Auskunft meines Neffen wären wir vom Ufer weiter entfernt gewesen, als mir innerlich ist, und er hätte als ausgebildeter Rettungsschwimmer Karl und Fanny retten müssen. Sicher ist, dass die übrigen 3 Bootsinsassen vom Ufer weiter weg als wir waren, vielleicht auch im tieferen Wasser, und ich glaube auch, dass Gerhard bei der Rettung von Karls Frau helfen musste. Fanny hatte wohl trotzdem schon zuviel Wasser geschluckt. Jedenfalls wurde der Rettungsdienst alarmiert, der sie mit Blaulicht in eine Klinik brachte. Karl machte uns später Vorwürfe, dass wir ihn bei der Bergung seiner Frau nicht unterstützt hätten. Aber erstens mussten wir unseren kleinen Sohn selbst retten und zweitens hatten wir deren Lage gar nicht bemerkt. Als wir im Trockenen standen und uns umsahen, war deren Situation für mich nicht dramatisch, weil ich wusste, dass man dort schon stehen kann, was aber vielleicht gar nicht ausprobiert worden war. Und wer kann denn auch ahnen, dass ein erwachsener Mensch nicht schwimmen kann? Ich finde ganz grundsätzlich: wer nicht schwimmen kann, soll auch keinen Wassersport treiben. Meinem Sohn jedenfalls haben wir als verantwortliche Eltern noch vor dem 4. Lebensjahr das Schwimmen beigebracht.
Durch den Einsatz des Rettungsfahrzeugs und den Klinikaufenthalt wurde der ganze Vorfall amtlich. Der Bootsverleiher wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Gefährdung von Leib und Leben angeklagt, weil er die Überfüllung des Tretbootes nicht verhindert hatte. Es hätte ja leicht Tote geben können, vor allem wenn wir auf die Mitte des Sees zugesteuert wären. Zum Prozess wurden alle erwachsenen vier Beteiligten als Zeugen vor das Amtsgericht Starnberg geladen, wo sich der Rentner verteidigen musste. Bei meiner Befragung bemängelte ich gegenüber dem Richter ausdrücklich, dass am Boot kein m.E. vorgeschriebener Hinweis über die zulässige Personenzahl angebracht war, denn dann wären wir gewarnt gewesen und hätten selbst entscheiden können, wer alles mitfährt. Daraufhin wurde ich belehrt, dass es sich bei dem See um einen Privatsee handele, für den eine solche Vorschrift nicht gilt. So blieb alle Verantwortung bei dem armen Rentner hängen, der vielleicht nichteinmal selbst über die zulässige Zahl der Bootsinsassen aufgeklärt war. (Heute denke ich, dass zur Vermeidung lebensgefährlicher Unglücke der Verwaltung von See und Booten die Anschaffung und Anbringung von Hinweisschildern dies Wert sein müsste, ob die paar Schildchen nun vorgeschrieben sind oder nicht.) Nach unserer Vernehmung erhielten wir das Zeugengeld ausgezahlt, das wir Vier, die einstigen Ehepartner mit ihren neuen, anschließend in einem Wienerwald in Hendl und Bier umsetzten, so dass die neue Bekanntschaft endlich entspannt und friedlich begossen werden konnte. Für uns war der Fall damit erledigt. Zu was der Bootsverleiher verurteilt wurde ist mir nicht bekannt.
Dilemma: Wären meine Frau und ich nicht mitgefahren, wäre das Boot wahrscheinlich nicht gesunken. Doch wäre es aus irgendeinen Grund gesunken, wer hätte dann unser Kind gerettet, wären die anderen Mitfahrer doch voll mit Fannys Rettung beschäftigt gewesen? Besser wäre auf jeden Fall gewesen, wenn wir selbst ein Bott gemietet hätten. Aber das Zusammentreffen war so überraschend und verwirrend, dass solch ein Gedanke gar nicht erst aufkam, zumal wir auch nicht gewarnt wurden.
Wie bei fast allen zuvor geschilderten Fällen gab es auch bei diesem nach einiger Zeit noch ein Echo. Jahre später kam als Käufer einer Eigentumswohnung ein großer blonder, gut aussehender Mann mittleren Alters zur technischen Beratung zu mir ins Büro, der mir sofort bekannt vorkam. Ich sprach ihn daraufhin an. Ich weiß noch heute, was er mir sagte: "Das wäre aber gar nicht gut für Sie, wenn Sie mich kennen." Auf Nachfrage erklärte er mir, dass er Richter sei, und zwar am Amtsgericht in Starnberg. Da wurde mir klar, woher ich ihn kannte und ich konnte ihn beruhigen, dass ich keiner der Ganoven wäre, mit denen er oft zu tun hat, sondern dass ich Zeuge war in einem von ihm geführten Prozess. Sein Erinnerungsvermögen dazu mochte ich aber nicht bemühen, weil es bei seinem Besuch ja um sein Anliegen ging, auf das ich mich zu konzentrieren hatte.
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