aus meinen Erinnerungen

Wie mich der Atem der Kriminalgeschichte streifte

drei historische Fälle und ein aktueller mit Bildbericht
ein Intermezzo sowie zwei Unglücke mit Echo



Ich glaube an das Gute im Menschen.
Ich verlasse mich aber lieber auf das Schlechte in ihm.
Alfred Polgar. Im Lauf der Zeit


Waffendiebstahl in einer Bundeswehrkaserne

Um mich als Käuferberater auch mit den neuen Eigentumswohnungen in Weilheim/Oberbayern vertraut zu machen, vereinbarte ich Ende der 70er Jahre mit dem Hausmeister der kleinen Wohnanlage ein Treffen. Als ich bei schönem Wetter dort eintraf, kam er mir schon entgegen, allerdings flankiert von zwei dunkel gekleideten und ernst blickenden Herren, und sagte mir, dass er jetzt leider keine Zeit habe, weil er mit diesen zwei Herren etwas besprechen müsse. Ohne mir da viele Gedanken zu machen, solche Gesprächspartner vielleicht für eine Weilheimer Besonderheit haltend, ging ich dann allein durch die Anlage. Etliche Tage danach sah ich zuhause in der Sendung "Aktenzeichen xy - ungelöst" eben eine Darstellung dieser Szene mit dem wackeren etwas untersetzten Hausmeister, der mit einer auffällig großen hellen Schürze bekleidet war, an die ich mich aber nicht erinnern konnte, in Zusammenhang mit der Suche nach den Tätern eines Diebstahls aus dem Waffendepot einer Bundeswehrkaserne in Meiling, Maisach o.ä. in Oberbayern, die es wahrscheinlich heute gar nicht mehr gibt. Es war die hohe Zeit der RAF und man vermutete, dass sie sich hier mit Waffen eingedeckt hatte, weshalb das Bundeskriminalamt in Wiesbaden eingeschaltet worden war. Auf den Hausmeister war man gekommen, weil der von den Tätern eingesetzte Schließzylinder des ausgeraubten Depots zur Schließanlage seiner Weilheimer Wohnanlage gehörte, was man anhand der Zylindernummer hatte feststellen können. Jemand musste im Depot den Schließzylinder vor oder nach dem Diebstahl eingesetzt haben. Jedenfalls hatte der Verbleib des Zylinders im Schloss wohl den Zweck, die Entdeckung des Diebstahls zu verzögern, um so den nötigen Vorsprung zu gewinnen. Eine ungesicherte Tür wäre der nächsten Streife sicher gleich aufgefallen. So aber blieb der Diebstahl die ganze Nacht unentdeckt. Aber es war trotzdem auch ein schwerer Fehler der Diebe, keinen ganz normalen Schließzylinder verwendet zu haben. Vielleicht wussten sie einfach nicht, dass man die Schließzylinder einer Schließanlage anhand ihrer eingeprägten Nummer identifizieren kann oder sie hatten nicht gründlich genug gefeilt. Nun war also der arme Hausmeister für die Beamten des Bundeskriminalamtes der wichtigste Zeuge, der für sie schnell zum Hauptverdächtigten wurde. Sie fanden einfach niemand anderes und es war für mich typisch von Leuten, die mit Baustellenusancen nicht vertraut waren. Außerdem wird doch kein Hausmeister so dumm sein, für ein solches Verbrechen einen Schließzylinder der eigenen Wohnanlage zu verwenden! Kurze Zeit später liefen mir diese ratlosen Kriminaler dann im Büro der Oberbauleitung, zu der ich gehörte, erneut über den Weg. Ich stieß fast mit ihnen zusammen, als sie zu meinem Chef eilten, um sich kundiger zu machen. Das war dann wieder typische Beamtenmentalität: der Glaube, wer höher im Rang steht, der weiß auch mehr. Dabei sind gerade diese Oberen meist schon lange von der Praxis entfremdet oder hatten sie gar nie und hören von ihren Leuten vor Ort oft nur Geschöntes. Schon die Befragung des örtlichen Bauleiters war für die Kriminaler wohl nicht besonders aufschlussreich gewesen, da dieser stark religiöse und eher misstrauische aber ansonsten recht tüchtige Kollege (inzwischen verstorben) wohl gerade deshalb mehr darauf bedacht war, keinen Schuldverdacht auf sich oder seinen Arbeitgeber fallen zu lassen. Wir werden noch sehen warum.

Für mich als ehemaliger langjähriger Bauleiter aber war eigentlich sofort klar, wo man hätte suchen müssen und was sich nach Jahren auch bestätigte. Die Praxis einer auslaufenden Baustelle ist einfach die, dass man wichtigen Firmen der Fertigstellung den Schlüssel zu einem der allgemeinen Kellerräume gibt, damit sie dort ihr noch benötigtes Werkzeug und Restmaterial lagern können, schon um bei Reklamationen der frisch eingezogenen Mieter bzw. Eigentümer beides schnell zur Hand zu haben. Zu diesem kleinen Personenkreis gehören vor allem Elektriker und Maler, vielleicht auch mal Fliesenleger. Man hätte also gleich die entsprechenden Handwerker des Hauses, dem der verwendete Schließzylinder zuzuordnen war, unter die Lupe nehmen müssen. Dabei kamen da nur wenige, dem Bauleiter meist gut bekannte und vertrauenswürdig erscheinende Personen in Frage, denen er einen Schlüssel ausgehändigt hatte, mit dessen Hilfe dann ein Schließzylinder ausgebaut werden konnte. Der Schlüsselbesitzer musste zwar nicht unbedingt gleich selbst zu den Dieben gehören, aber doch mit ihnen in Verbindung stehen. Und wieso will am Ende der Baustelle niemand vom Fehlen eines Schließzylinders der Schließanlage gewusst haben bzw. machte sich niemand Gedanken über den Verbleib eines solchen? Ein beiläufiger Ersatz war gar nicht möglich, schon weil für seine Nachbestellung der Schließschein benötigt wird, der ja in der Regel nicht irgendwo herumliegt. Hier hatte der Bauleiter sicher eher etwas zu verbergen als der Hausmeister, denn er muss für vollständige Schlüsselübergabe sorgen, weshalb er sich wahrscheinlich unwissend stellte. Oder weil es sich für den Münchner Bauleiter um eine auswärtige Baustelle handelte und er noch andere betreuen musste, hat er zwangsläufig einiges dem vor Ort anwesenden Hausmeister überlassen müssen, was zu Unklarheiten führte, wer was veranlasst hatte und dann verantwortlich war. Möglicherweise war der Bauleiter aber auch einfach nur geschickter darin, seine Verantwortung zu vertuschen, weshalb der Hausmeister zum Verdächtigen wurde. Da ich ja trotz der zweimaligen Begegnung mit den Detektiven von ihnen nicht befragt wurde und ich auch nicht zum Kreis der schnell zu unrecht Verdächtigen gehören wollte, behielt ich meine Sicht der Dinge lieber für mich. Denn wer etwas weiß, weiß schon zuviel, um ihn unverdächtig erscheinen zu lassen. Und die Kollegen hätten mich bestimmt nicht ernst genommen und gespottet: Herr Hille, wie wollen Sie etwas von dieser Baustelle wissen? Das nicht. Aber ich kann mich auch heute noch gut erinnern, wie das am Ende einer solchen immer zwangsläufig zugeht.

Nach etlichen Jahren bestätigte sich dann, was ich gleich zu Anfang vermutet hatte: es war der Elektriker (kam dann wohl auch in Aktenzeichen xy-ungelöst). Auch die Waffen wurden alle fein säuberlich verpackt in einem Gehöft wieder gefunden. Also nichts mit RAF. Die Diebe wollten sie wahrscheinlich ins südöstliche europäische Ausland verscherbeln, hatten aber nicht mit diesem Fahndungsdruck gerechnet, der sie dann entmutigte.


Jetzt ist mir noch eingefallen, dass ich schon Anfang der fünfziger Jahre bereits einmal mit einer spektakulären Tat unfreiwillig in Verbindung kam und dazu sogar von einem Privatdetektiv ausgehorcht wurde.

Diebstahl der Gelder des Münchner Arbeitsamtes

Es muss im Spätsommer des Jahres 1951 gewesen sein. Die Baufirma bei der ich als Ingenieur-Praktikant auf der Baustelle tätig war, hatte den Auftrag, die Mensa der Münchner Universität zu bauen. (Diese relativ kleine Mensa an der Veterinärstraße gibt es schon lange nicht mehr.) Es war an einem Wochentag. Nach Feierabend verließ ich die Unigebäude und trat auf die Ludwigsstraße hinaus. In diesem Moment raste mein Onkel mit seinem Dienstwagen in Richtung Stadt an mir vorbei. Autos waren damals eher noch selten, weshalb sein noch dazu schneller Wagen nicht zu übersehen war. Was war los? Onkel Arnold* war Direktor des Münchner Arbeitsamtes und ich hätte ihn eher gelassen in Richtung Schwabing fahrend erwartet, wo er wohnte. Doch dem Arbeitsamt waren seine sämtlichen Gelder gestohlen worden! Nicht nur das Stempelgeld für die wöchentliche Auszahlung der Arbeitslosen, sondern auch die monatlichen Lohngelder für die Angestellten, denn man zahlte ja noch mittels Lohntüte. Zusammen für damals eine große Summe. Die Diebe hatten das also gewusst. Auch hier lag kein Raub durch Anwendung von Gewalt vor, sondern ebenfalls ein Schlüsseltrick. Die Täter waren freundlich grüßend in der staatlichen Bank zum Tresor des Arbeitsamtes gegangen, schlossen ihn in aller Ruhe auf und nahmen alles Geld mit, was sie fanden. Wie war das möglich? Onkel Arnold war schon schnell klar, wie das hat passieren können und er legte es auch schriftlich nieder. Aber da war wieder die Unwissendheit der Kriminaler, die mit den Gepflogenheiten eines Betriebes nicht vertraut sind. Sie verdächtigten lieber alles und jeden und so letztlich auch Onkel Arnold und mich. Ein eingeschalteter Privatdetektiv, ein kleiner zäher Mann, wollte sich wohl eine Belohnung verdienen und kam mehrmals in die Wohnung meines Onkels am Kaiserplatz und stellte uns allerhand mehr oder weniger dumme Fragen.
*MdL Dr. Arnold Hille

Nach den Überlegungen von Onkel Arnold muss einer jener Kassierer, die einen Schlüssel zum Tresor hatten, diesen heimlich im Gang des Arbeitsamtes, wo ja auch viele Arbeitslose herumliefen, z.B. auf dem Weg zur Toilette einem Vertrauten oder Verwandten bei einer Begrüßung unbemerkt in die Hand gedrückt und auf auch diesem Wege wieder zurückerhalten haben. Pech nur, dass Onkel den falschen Kassierer verdächtigte. Jedenfalls wurde das Rätsel so schnell nicht gelöst, letztlich jedoch aufgeklärt. Also auch hier hat sich die Tat nicht nur nicht gelohnt (die Täter, die meiner Erinnerung nach zu 2 Familien gehörten, hatten sogar noch Kredite aufgenommen, um ihre plötzlichen Sonderausgaben zu rechtfertigen), sondern den Schuldigen Jahre der Freiheit gekostet. Beide Fälle zeigen, dass man zwar mit etwas Insiderwissen und logischen Kalkül schnell auf die Verdächtigen kommt. Aber sie auch zu überführen bleibt trotzdem die schwere Aufgabe der Polizei.


Die Oetker-Entführung von 1976

Als im Fernsehen vor Monaten wiedereinmal Richard Oetker zu sehen war, der prinzipiell nicht über seine am 14. Dezember 1976 erfolgte Entführung spricht, erinnerte ich mich, dass dieser spektakuläre Kriminalfall mich nicht nur als Mensch und als Münchner besonders berührt hatte. Ich kannte mich auch in Weihenstephan in Freising bei München einigermaßen aus, war jedes Jahr öfters dort, und konnte mir so die Entführungsszene auf dem Parkplatz der Technischen Universität gut vorstellen. Besser aber noch als die Polizei kannte ich mich mit dem Ort der Lösegeldübergabe im Untergeschoss des Münchner Stachus aus. Als Ingenieur hatte ich mich besonders für die vielen großen Tiefbaumaßnahmen in den siebziger Jahren im München interessiert, so auch für das Tiefbauwerk des verkehrsreichsten Platzes in München, dem Karlsplatz, besser bekannt als "Stachus". Als Schnittpunkt wichtiger Straßenbahnverbindungen mit allen Linien der S-Bahn, ist es sehr umfangreich ausgebaut. Unterhalb des Fußgängergeschosses mit Läden und Zugängen zu 3 den größten Kaufhäusern der Stadt, gab es auch von mir öfters benutzte Tiefgaragen. Aus diesen führen Fluchttüren in einen Gang, der zwischen den rohen Betonbohrkernen der Baugrube und der geschalten Wand der Tiefgarage verläuft. Aus baulicher Neugier hatte ich mir das einmal angesehen. Die Fluchtgänge führen in das Passanten- und Ladengeschoss darüber. Im Gegensatz zu den Tiefgaragengeschossen sind dort die Fluchtüren nur vom Gang aus zu öffnen, schon dass sich da kein Passant hinein verirrt. Das nutzte der Entführer Dieter Zlof und beorderte den Lösegeldübergeber August Oetker direkt neben eine solche Stahltür im belebten Fußgängergeschoss. "Durch die Fluchttür (für die darunter liegenden Etagen) greift Zlof sich den Aluminium-Koffer* mit den 21 Millionen und verschwindet, ohne das es den Zivilfahndern gelungen wäre, die Tür von außen zu öffnen." (SPIEGEL ONLINE) Also auch hier eine Art Schlüsseltrick. Mir wäre das nicht passiert, wenn genügend Zeit gewesen wäre, das zu organisieren, denn 1. hätte ich mir den Schlüssel besorgt und 2. hätte ich Posten an den infrage kommenden Zu- und Ausgangstüren postiert. Doch in dem großen Gangwerk mit mehreren Etagen wäre es sicher auch nicht so einfach gewesen, den Entführer zu fassen, und sehr wahrscheinlich war es ja auch gut so, dass Zlof schnell in den Besitz des Geldes gekommen war und er deshalb den durch einen Stromschlag in seinem Versteck schwer verletzten Richard Oetker noch am Abend frei lassen konnte.
*Soviel ich weiß, musste der Koffer eine bestimmte Größe haben, um in das vorbereitete Versteck im Wagenboden zu passen. Anhand des Koffervolumens hat Zlof dann die Höhe des Lösegeldes berechnet. Koffer voll = 21 Millionen à 1000 DM da.

Damit war aber meine Konfrontation mit dem Oetkerfall noch nicht beendet, ganz abgesehen davon, dass ich, ebenso wie alle anderen, später bei der Einzahlung von Eintausendmarkscheinen am Bankschalter beargwöhnt wurde und die Seriennummer des Geldes geprüft wurden, obwohl die Scheine doch immer von einer Bank stammten (ich lies mir dann keine Tausender mehr geben). Meine sehr verehrte Tante Anni (Anni Hille) hatte wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag, den 26. Dezember, den engsten Familienkreis zum Abendessen in ein schönes Restaurant eingeladen. Wegen der Weihnachtsfeiertage waren jedoch viele Gaststätten in der Nähe ihrer Wohnung wegen der ausländischen Inhaber geschlossen, da diese zu Familienfeiern in ihre Heimatländer gereist waren. So hatte Tante 1977 etwas außerhalb vom Münchner Westen, wo sie wohnte, in Germering im Hotel Restaurant Meyer uns Plätze reservieren lassen müssen. In ihrer Wohnung schon etwas vorgefeiert kamen wir gegen Abend gelöst dorthin. Ich sehe noch heute mehrere hauptsächlich in Schwarz gekleidete nicht gerade schlanke Bedienungen wortkarg um den Schanktisch herumstehen - eine statische und bedrückende Szene. Sie warteten dort wohl auf die Getränke bzw. das Essen. Da war nirgends etwas Fröhliches. Dann erfuhren wir, dass im Restaurant im Jahr zuvor der Übergeber des Lösegeldes für Oetker auf den Anruf des Entführers gewartet hatte (damals gab es noch keine Handys). Angesichts des schweren Schicksals von Richard Oetker hat uns die unerwartete Konfrontation mit dem Leidensweg des sympathischen jungen Mannes doch sehr berührt. Auch heute kann ich noch nicht ohne innere Bewegung an seine skrupellose Entführung denken, wo ich doch noch die Bilder von ihm und den Tatorten vor Augen habe.


Das Phantom von Heilbronn

Auf der eigenen Spur ausgerutscht

Als Robinson Crusoe wiedereinmal zum Strand seiner einsamen Insel ging erschrak er heftig, denn er fand dort Fußspuren, wo er doch dachte auf der Insel, auf die es ihn als Schiffsbrüchigen verschlagen hatte, allein zu sein. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, trat er näher und sah sich die Spuren genauer an: Und siehe da, es waren seine eigenen! Da war die Erleichterung natürlich groß. - Als die Quantenforscher Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Daten analysierten, blieb stets ein unerklärlicher Rest. Etwas Unbekanntes musste seine Spuren hinterlassen haben. Und eines Tages entdeckten sie wie Robinson: es waren ihre eigenen! Bei aller Beobachtung gibt es auch immer eine Rolle des Beobachters und sei es nur die seiner Instrumente. Dies bedacht zu haben, führte zu der Formulierung der so erfolgreichen Quantenmechanik in der Kopenhagener Deutung. - Als der SOKO Parkplatz in Heilbronn bei der Suche der Mörderin der Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter an den unterschiedlichsten Orten bei den unterschiedlichsten Verbrechen über Jahre hinweg immer wieder die gleichen DNA-Spuren gemeldet wurden, ohne dass je ein einziger Zeuge eine infrage kommende Person gesehen hatte, die dadurch immer mehr zum Phantom wurde, begann es den Verantwortlichen zu dämmern: es könnte ja ihre eigene Spur sein, die sie verfolgten, nämlich die der von ihnen benutzten Instrumente, und auf der sie ausgerutscht sind, was zuzugeben natürlich ungeheuer schwerfällt. Die Wattestäbchen, mit denen die DNA aufgenommen wurde, waren kontaminiert! Die gesuchte Person war wahrscheinlich eine polnische Rentnerin, die vor Jahren in Bayern solche Wattestäbchen verpackt hatte. Peinlich, peinlich! Und teuer! Und das ganz überflüssigerweise! Denn hätte man gleich am Anfang auch nur ein einziges unbenutztes Wattestäbchen getestet, dann hätte man sofort gewusst, woher die Spur stammte! Und/oder man testet nach jedem Gebrauch ein unbenutztes Wattestäbchen der gleichen Packung. Warum kam niemand auf eine so naheliegende Idee? Fehlt es an Ideen? Herrschte blindes Vertrauen in die neue Ermittlungstechnik? Oder war es einfach nur die bekannte schwäbische Knauserigkeit, die gern am falschen Ort spart?

Hier also noch ein akuter Fall der Kriminalgeschichte, das Phantom von Heilbronn, der mich diesmal als Bewohner dieser schönen Stadt streifte. Am 25. April 2007 "durfte" ich als Ohren- und Augenzeuge seine Geburt miterleben - stundenlang heulten Streifenwagen durch die Stadt und Hubschrauber knatterten über ihr, später besuchte ich den Tatort. Aufgrund spektakulärer Kriminalfälle mit Jugendlichen 2009, gerade in Baden-Württemberg, machte ich der Polizei einen Vorschlag, in welche Richtung verstärkt nach den Tätern zu suchen wäre, bevor man jetzt dem Phantom der osteuropäischen Maffia ebenso chancenlos hinterherjagd. Den Maffiakillern fällt zwar ein Mord leicht, aber sie morden dann, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen, der sie die Auffälligkeit der Tat in Kauf nehmen lässt. Doch wo soll hier ein Vorteil für sie sein, ausgerechnet zwei Polizisten im Streifenwagen noch dazu in ihrer Pause und nicht bei einer polizeilichen Aktion erschießen zu wollen, der voraussehbar den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setzt? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Nach dem Krieg gab es einen berühmten Film mit dem Titel "Die Mörder sind unter uns". Vielleicht ist es auch diesmal der Fall. (Ich setzte auf Angehörige der linken Szene. Wie alle Behörden und Medien war auch mir von reisenden Mördern der rechten Szene bis dahin nichts bekannt.)
November 2011: Es ist ziemlich sicher, dass der Anschlag auf die beiden Polizisten in Heilbronn auf das Konto der Zwickauer Neozis geht, denn dort wurde nicht nur die Mordwaffe und Gegenstände aus dem Besitz der beiden gefunden, sondern im Wohnwagen auch die entwendeten Pistolen. Nachdem was ich noch gehört habe, wurde am Tag des Überfalls sogar der Wohnwagen des mörderischen Trios bei der Ausfahrt registriert aber nicht durchsucht, auch später die Spur nicht aufgenommen, weil man davon ausging, dass Wohnwagenbenutzer "natürlich" stets harmlose Urlauber sind, denen freundlich zu begegnen ist, so wie man ja auch bei den Wattestäbchen keine Kontrolle machte, weil man hier ebenfalls ohne Argwohn war. Wahrscheinlich wurde den beiden jungen Uwes auch noch gute Weiterfahrt gewünscht. Man stand ihnen also vermutlich Auge in Auge gegenüber - aber das Suchschema passte nicht auf sie. Doch so verlief diese Begegnung zwischen den Mördern und der Polizei diesmal wenigstens friedlich. - Ca. 2 km von der Innenstadt und ca. 1000m vom Tatort entfernt gibt es am Rande des Wertwiesenparks einen kleinen Parkplatz für durchreisende Wohnwagentouristen mit Ver- und Entsorgungsstation - den einzigen im Ort! Stand ihr Wagen dort? Kamen sie auf dem Gang zu oder von der Innenstadt auf dem Fuß- und Radweg entlang des Neckars nur zufällig am direkt neben ihm liegenden Tatort vorbei und sahen Michéle und ihren Kollegen Pause machend entspannt im Wagen sitzen, was ihre mörderischen Instinkte (schon lange niemand mehr umgebracht) weckte? - zum Tatort s. unten das jeweils linke Bild der 1. und 2. Reihe mit Erläuterungen. (Der Zaun zwischen Weg und Festplatz geht nur bis zu den Bäumen und ich weiß nicht, ob es ihn damals schon gab.)
23./24. Nov. 2011: Auch wenn Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) jetzt glaubt, dass es sich bei dem Mordfall um eine gezielte Tötung gehandelt haben könnte, weil die ermordete Polizeimeisterin wie die Täter aus Thüringen stammt, bleibe ich bei meiner Version. Behörden suchen immer nach Zusammenhängen und seien sie noch so vage. Der amtlichen Behauptung, dass Michéle in Thüringen gegenüber einer Gaststätte gewohnt hätte, in der mal Neonazis verkehrt hätten, wird bereits vom Großvater der Ermordeten widersprochen, der über solche Meldungen empört ist und sagt, dass sie nie woanders als bei ihrer Mutter gewohnt habe. Hier werden vielleicht wieder neue Wattestäbchen gelegt, deren angeblicher Kontaminierung man nachjagt und die Familie der Ermordeten Verdächtigungen aussetzt wie zuvor den Familien der ermordeten Muslime, für die sich der Bundespräsident inzwischen bei ihnen entschuldigt hat. Und was ist mit dem vom Überfall ebenfalls betroffenen Kollegen, der nur durch Zufall überlebt hat? Könnten da nicht auch Zusammenhänge bestehen, wenn man schon an solche glaubt? Doch das interessiert wieder niemand, weil er ja noch am Leben ist. Man sucht ja Mörder bzw. deren Motiv, dass vielleicht nie gefunden wird. - Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Mörder gewusst haben könnten, wo die junge Polizistin bzw. ihr Kollege sich während der Streife aufhielt, wo noch dazu Michèle an diesem Tag Urlaub gehabt hätte und nur kurzfristig für eine erkrankte Kollegin einsprungen war. Setzt man eine Beziehungstat voraus, müsste man eher fragen, ob der Anschlag nicht der erkrankten Kollegin gegolten hätte (fühlte sie sich bedroht und blieb sie daher vorsorglich dem Dienst fern?) oder eben dem überlebenden Kollegen. Ich denke jedoch, das die beiden Uwes Spontantäter waren und nur darauf achteten, wie sie nach der Tat möglichst spurlos verschwinden können, worin sie offensichtlich Meister waren. Eine zufällige Zigarettenpause der Opfer an einem abgelegenen Ort (hinter dem Trafohaus) kann man nicht einplanen.
Ende November: Der "stern" will mit seiner Version des Geschehens - 2 Verfassungsschützer und 3 US-Agenten hätten bei der Observierung eines Mitglieds der Sauerlandgruppe zufällig der Ermordung zugesehen und nicht eingegriffen, um unerkannt zu bleiben - wohl an die Phantasien seiner Hitlertagebücher anknüpfen. - Nachdem das BKK die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung der Neonazimorde gebeten hat und dafür die Telefon-Nr. 0800 130 110 zur Verfügung stellt, habe ich dort gleich angerufen und meine obigen Bedenken zum Heilbronner Fall mitgeteilt. Der angerufene Beamten beruhigte sich jedoch sofort damit, dass die SOKO Parkplatz dass sicher schon abgeklärt habe. Gegenüber einer SOKO, die jahrelang einem Phantom hinterherjagte und dann auf die russische Mafia setzte, wäre ich skeptischer. Mit der gezeigten laxen Beamtenmentalität wird sicher auch jetzt nichts aus der Aufklärung des Heilbronner Falls werden. Doch wenigstens der neue Generalbundesanwalt teilt nicht die Meinung des BKK, dass es sich hier um eine Beziehungstat handle. Aber weiß er auch, dass es unweit des Tatortes einen kleinen Parkplatz für durchreisende Wohnwagentouristen gibt? Kann man noch auf Aufklärung hoffen? Warten wir's ab.

Bilder vom stillen Gedenken am 25. April 2009 und 2010 an Michéle Kiesewetter
(2. bzw. 3. Todestag)

Dolores auf Spurensuche - Foto H.Hille
Ort des Geschehens (Neckarweg hinter dem Gitterzaun)*
ist immer wieder das Ziel von Agressionen Jugendlicher - Foto H.Hille
die Gedenktafel
waren eigens aus Thüringen angereist - Foto H.Hille
Ankunft der Großeltern**
Foto H.Hille
ihre Blumenniederlegung
Großeltern in der Mitte - Foto H.Hille
Blumen der Polizei
u.a. OB Himmelsbach und MdB Strobl - Foto H.Hille
stilles Gedenken der Prominenz
Foto H.Hille
und der Kollegen
Ordnung muss sein - Foto H.Hille
warten auf sie
*Tatort rechts neben dem Trafohaus, Gedenkort am oberen Weg, zwischen den beiden Bäumen
**im Hintergrund das Trafohaus und die Theresienwiese, auf der wie damals die Vorbereitungen des Maifestes liefen, weswegen die Polizisten vor Ort waren

Intermezzo
Bei diesen Volksfesten auf der Heilbronner Theresienwiese ist auch immer viel kriminelle Energie zugegen. Dolores wurde Jahre vor dem Mord an der Polizistin bei einem solchen Fest im Bierzelt bei Tisch von einer fremdländisch aussehenden, freundlich lächelnden Frau mittleren Alters, die sich ihr von hinten näherte (ich saß gegenüber und konnte, im Gegensatz zu Dolors, sie sehen) und die so tat als wollte sie sich evtl. zu uns setzen, die auf der Bank neben Dolors liegende kleine Handtasche mit Geld und Schlüsseln sehr wahrscheinlich in dem Moment gestohlen, als uns der grinsende Ober vom anderen Tischende her die bestellte Maß in Wildwestmanier über die Tischplatte schoss und wir besorgt vor unerwünschtem Nass abgelenkt waren. Die Frau habe ich danach nicht mehr gesehen. Den Diebstahl bemerkte Dolores erst einige Zeit später. Wir konnten uns dann nicht des Eindrucks einer Zusammenarbeit beider erwehren (am Nachmittag waren im spärlich besuchten Festzelt keine weiteren Personen in der Nähe). Zwei Jahre später wurde am letzten Tag dieses Volksfestes nach Schluss sogar der Festwirt überfallen und ausgeraubt. Seitdem meiden wir diese Heilbronner "Festlichkeiten", erst Recht seit dem Mord an Michéle Kiesewetter und dem Mordversuch an ihrem Kollegen Arnold. - Würde ich in Heilbronn und in der Region einchließlich des Wasen in Stuttgart allerdings alle Geschäfte und Wirtschaften meiden, wo man innerhalb von wenigen Jahren mich oder Dolores beim Geldwechsel versucht hat zu betrügen (aber wie oft haben wir es nicht bemerkt?), wüsste ich immer weniger, wo ich hier noch hingehen könnte. In 50 Münchner Jahren ist mir das nicht ein einzigesmal passiert. Ich versuche das jetzt sportlich zu sehen, als eine Herausforderung, in meinen alten Tagen beim Bezahlen noch besser achtzugeben.

Foto H.Hille
auch am 25. April 2010 gab es ein stilles Gedenken der Kollegen
und der Großeltern

Auch 2011 wären sie wieder dagewesen. (Aber warum kommen immer nur die Großeltern?)


Die nicht bemerkte Tragödie

Als mein Sohn Peter ca. 2 oder 3 Jahre alt war (wahrscheinlich eher 3), es muss also 1968 oder 1969 gewesen sein, besuchten wir von München aus an einem sonnigen Sonntag die Familie meines Schwagers auf ihrem Campingplatz am Pilsensee, einem Nebensee des Ammersees in Oberbayern. Dabei traf meine Frau zum erstenmal nach ihrer Scheidung 1953 auf Karl, ihren ersten Mann, der mit Schwager Rudi befreundet war, die Kriegskameraden waren. Die beiderseitige Verlegenheit der einstigen Eheleute wurde noch dadurch vergrößert, dass Karl seinerseits seine neue Frau dabei hatte, die wir noch nicht kannten. Man tastete sich allseits vorsichtig ab, um der unerwarteten Situation Herr zu werden. Bei dem Gespräch erwähnte Karl, dass er beim Bootsverleiher ein Tretboot reserviert habe. Als mein Sohn dies hörte rief er spontan: "Ich will auch mit!" Natürlich wollte meine Frau dann ebenfalls dabei sein und ich mochte Frau und Kind nicht allein lassen. Zudem versprach eine solche Bootsfahrt eine Entspannung der etwas peinlichen Situation. Nun waren wir nicht nur 4 Erwachsene, sondern auch 2 Kinder, weil der 11- bzw. 12-jährige Neffe Gerhard, dem die Bootsfahrt wohl ursprünglich von Karl versprochen war, natürlich nicht ausgeschlossen werden konnte. Der Bootsverleiher, ein älterer Rentner, der sich beim Camping etwas dazu verdienen wollte, wies uns ein Boot zu und ließ uns einsteigen. Es war ein Rumpfboot und nicht eines der moderneren Tretboote mit Schwimmkörpern links und rechts, wo man auf einem Deck über dem Wasser sitzt. Karl und Gerhard strampelten vorn fleißig, um das Boot in Fahrt zu bringen, während meine Frau und ich, unseren Sohn in der Mitte, auf der Rückbank saßen. Entgegen meinem Wunsch hielt Karl den Kurs mehr parallel zum Ufer, war also vorsichtig (er wusste wohl warum, ich aber nicht). Bald merkten wir, dass Wasser ins Boot eintrat. Es kam vermutlich durch das wohl etwas ausgeleierte Lager der Antriebswelle, weil das Gefährt zu tief im Wasser lag und so das wahrscheinlich undichte Lager unter die Wasserlinie gedrückt war. Mir kam der Verdacht, dass das Boot überladen sein könnte, doch konnte ich nirgends einen Hinweis auf seine zulässige Tragkraft finden. Während Karl das Boot zur Rückfahrt scharf in Richtung See wendete, geriet es in Schieflage, Wasser schwappte über die Bordwand und es sank innerhalb einer Minute. Meine Frau und ich, durch das eigentlich falsche Wendemanöver dem rettenden Ufer nun am nächsten, fassten wortlos unser Kind links und rechts unter die Arme, hoben es aus dem Wasser und bewegten uns in Richtung des Ufers. Dabei hatte ich sogar noch Bodenkontakt, so dass nichteinmal meine Mütze nass wurde, was ich hinterher bemerkenswert fand. Ich brauchte also nicht zu schwimmen, ruderte nur mit einem Arm vorwärts. So kamen wir nass aber entspannt am Ufer an, wo schon Zuschauer standen und uns heraushalfen. Mit uns selbst beschäftigt hatten wir aber nicht bemerkt, welche Tragödie sich hinter uns abspielte. Karls neue Frau, die Fanny, konnte nicht schwimmen! Und da sie relativ klein war, fand sie auch keinen Boden unter den Füßen und geriet in Panik, in der man alles falsch macht. Nach Auskunft meines Neffen wären wir vom Ufer weiter entfernt gewesen, als mir innerlich ist, und er hätte als ausgebildeter Rettungsschwimmer Karl und Fanny retten müssen. Sicher ist, dass die übrigen 3 Bootsinsassen vom Ufer weiter weg als wir waren, vielleicht auch im tieferen Wasser, und ich glaube auch, dass Gerhard bei der Rettung von Karls Frau helfen musste. Fanny hatte wohl trotzdem schon zuviel Wasser geschluckt. Jedenfalls wurde der Rettungsdienst alarmiert, der sie mit Blaulicht in eine Klinik brachte. Karl machte uns später Vorwürfe, dass wir ihn bei der Bergung seiner Frau nicht unterstützt hätten. Aber erstens mussten wir unseren kleinen Sohn selbst retten und zweitens hatten wir deren Lage gar nicht bemerkt. Als wir im Trockenen standen und uns umsahen, war deren Situation für mich nicht dramatisch, weil ich wusste, dass man dort schon stehen kann, was aber vielleicht gar nicht ausprobiert worden war. Und wer kann denn auch ahnen, dass ein erwachsener Mensch nicht schwimmen kann? Ich finde ganz grundsätzlich: wer nicht schwimmen kann, soll auch keinen Wassersport treiben. Meinem Sohn jedenfalls haben wir als verantwortliche Eltern noch vor dem 4. Lebensjahr das Schwimmen beigebracht.

Durch den Einsatz des Rettungsfahrzeugs und den Klinikaufenthalt wurde der ganze Vorfall amtlich. Der Bootsverleiher wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Gefährdung von Leib und Leben angeklagt, weil er die Überfüllung des Tretbootes nicht verhindert hatte. Es hätte ja leicht Tote geben können, vor allem wenn wir auf die Mitte des Sees zugesteuert wären. Zum Prozess wurden alle erwachsenen vier Beteiligten als Zeugen vor das Amtsgericht Starnberg geladen, wo sich der Rentner verteidigen musste. Bei meiner Befragung bemängelte ich gegenüber dem Richter ausdrücklich, dass am Boot kein m.E. vorgeschriebener Hinweis über die zulässige Personenzahl angebracht war, wie ich das von anderen bayerischen Seen her kannte, denn dann wären wir gewarnt gewesen und hätten selbst entscheiden können, wer alles mitfährt. Daraufhin wurde ich belehrt, dass es sich bei diesem See um einen Privatsee handele, für den eine solche Vorschrift nicht besteht. So blieb alle Verantwortung bei dem armen Rentner hängen, der vielleicht nichteinmal selbst über die zulässige Zahl der Bootsinsassen aufgeklärt worden war. (Heute denke ich, dass zur Vermeidung lebensgefährlicher Unglücke der Verwaltung von See und Booten die Anschaffung und Anbringung von Hinweisschildern dies Wert sein müsste, ob die paar Schildchen nun vorgeschrieben sind oder nicht.) Nach unserer Vernehmung erhielten wir das Zeugengeld ausgezahlt, das wir Vier, die einstigen Ehepartner mit ihren neuen, anschließend in einem Wienerwald in Hendl und Bier umsetzten, so dass die neue Bekanntschaft endlich entspannt und friedlich begossen werden konnte. Für uns war der Fall damit erledigt. Zu was der Bootsverleiher verurteilt wurde ist mir nicht bekannt.

Dilemma: Wären meine Frau und ich nicht mitgefahren, wäre das Boot wahrscheinlich nicht gesunken. Doch wäre es aus irgendeinen Grund gesunken, wer hätte dann unser Kind gerettet, wären die anderen Mitfahrer doch voll mit Fannys Rettung beschäftigt gewesen? Besser wäre auf jeden Fall gewesen, wenn wir selbst ein Boot gemietet hätten. Aber das Zusammentreffen war so überraschend und verwirrend, dass solch ein Gedanke gar nicht erst aufkam, zumal wir auch nicht gewarnt wurden.

Wie bei fast allen zuvor geschilderten Fällen gab es auch bei diesem nach einiger Zeit noch ein Echo. Jahre später kam als Käufer einer Eigentumswohnung ein großer blonder, gut aussehender Mann mittleren Alters zur technischen Beratung zu mir ins Büro, der mir sofort bekannt vorkam. Ich sprach ihn daraufhin an. Ich weiß noch heute, was er mir sagte: "Das wäre aber gar nicht gut für Sie, wenn Sie mich kennen." Auf Nachfrage erklärte er mir, dass er Richter sei, und zwar am Amtsgericht in Starnberg. Da wurde mir klar, woher ich ihn kannte und ich konnte ihn beruhigen, dass ich keiner der Ganoven wäre, mit denen er oft zu tun hat, sondern dass ich Zeuge war in einem von ihm geführten Prozess. Sein Erinnerungsvermögen dazu mochte ich aber nicht bemühen, weil es bei seinem Besuch ja um sein Anliegen ging, auf das ich mich zu konzentrieren hatte.


Tod am Bau - ein Opfer für die NATO

Es muss Ende 1958 gewesen sein. Inzwischen hatte mich die Bayerische Staatsbauverwaltung zur Bauleitung des Deutschen Patentamtes versetzt. Obwohl es sich beim Patentamt mit Patentgericht um eine Bundesbehörde handelt, die normalerweise von den Finanzbauämtern baulich betreut werden, war hier der Bayerische Staat mit der Baumaßnahme beauftragt. Vielleicht war Bayern hier in Vorlage gegangen, um diese für die Zukunft wichtige ehemalige Berliner Behörde für München zu sichern. Zu bauen war noch der Erweiterungsbau mit Auslegehalle längs der Erhardtstraße gegenüber dem Deutschen Museum auf einem ehemaligen Kasernengelände. Das Hauptgebäude befindet sich daneben an der Zweibrückenstraße mit den beiden vergoldeten Halbkugeln des Otto von Guericke über dem Haupteingang. (Auf der südlich anschließenden Freifläche wurde Jahre später das Europäische Patentamt errichtet.)

Innerhalb des neuen Prüferblockes war nun in einer Außenecke ein besonderer Raum für die NATO-Patente zu schaffen. Dieser Raum war durch dicke Stahlbetondecken und -Wände zu sichern, wobei die Wände doppelt waren, mit einem Kontrollgang zwischen ihnen. Neben einem besonders druckfesten Beton B600 kam wohl auch ein besonderer Stahl zum Einsatz. Zudem musste alles in einem Stück gegossen werden, was natürlich nicht an einem Tag möglich war. Es ging auf den Winter zu und da war Eile geboten, um die Betonarbeiten noch vor dem Frost abzuschließen, mit dem man in München ab Mitte November rechnen musste. Als alles vorbereitet war und eine Nachtschicht anstand, wurde ich als Aufsicht bestimmt, da ich durch meine Arbeit für zwei Ingenieurbüros von den Kollegen die größte Erfahrung mit Stahlbeton hatte. (s. Bild in (L20) mich bei der Abnahme der Bewehrung)

Es war dunkel, die Wände waren schon gegossen. Zu gießen war zu diesem Zeitpunkt noch die Decke des NATO-Raums. Hierbei galt es die Deckenschalung zu kontrollieren, denn durch ihre ungleichmäßige Belastung beim Einbringen des Betons konnte es zu Verwerfungen kommen, die ggf. ausgeglichen werden mussten. Die Baufirma hatte dazu einen Zimmermann beauftragt, der mit einer elektrischen Lampe in der Hand die Deckenschalung von unten kontrollierte. Es war in dieser Nacht nicht nur kühl, sondern auch regnerisch, so dass nicht nur wegen des durchsickernden Betonwassers es viel Nässe von oben gab. Trotz des großen Lärms der Rüttler wechselte ich mit dem Zimmermann einige Worte und begab mich dann wieder nach oben. Irgendwann in der Nacht wurde er tot am Boden liegend aufgefunden. Wie ermittelt wurde, hatte er durch einen Kabelschaden einen Stromschlag erlitten, war doch durch die Nässe das Kabel auch von außen leitend geworden. Ob der Bauleiter der ausführenden Firma zum Zeitpunkt der Auffindung der Leiche schon zugegen war oder erst herbeigerufen wurde, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls wurde er ausführlich auch von der Bauberufsgenossenschaft vernommen, die für die Sicherheit am Bau zuständig ist. Ich war nur Zeuge und denke, dass die Baufirma kein Verschulden traf, sondern dass vielleicht das Kabel der Lampe im Laufe der Nacht durch das lange Herumschleifen auf dem rauen Boden und/oder durch scharfe Kanten der Deckenstützen Schaden genommen hatte und die allgegenwärtige Nässe den Rest besorgte. Auf diese Weise wurde der brave Zimmermann ein Opfer der NATO und streifte mich die Politikgeschichte.

Man könnte zwar denken, dass Rüstungspatente am besten bei den Rüstungsfirmen selbst aufgehoben wären. Doch wegen der Konkurrenz unter ihnen war es eben doch nötig, sich Prioritäten zu sichern. Und da damals gerade in und um München die Hochtechnologie der Rüstung angesiedelt wurde, hatte man als Münchner dafür auch Verständnis. Ich konnte zwar nicht glauben, dass ein Agent jemals versuche würde durch Wände oder Decken in den Lagerraum der NATO-Patente zu gelangen, sondern stellt mir eher vor, dass er mit einem Aktenordner unter dem Arm und einer Ausrede auf den Lippen freundlich grüßend an der Aufsicht vorbei den Raum betreten und sich dort bedienen würde, wenn er nicht gleich selbst zur Aufsicht gehörte. Spätestens seit der Wende weiß man, dass die Ostspionage überall ihre Helfer und Sympathisanten hatte und auf brachiale Methoden nicht angewiesen war.

Wie auch schon bei den vorherigen Fallbeispielen gab es auch in diesem Fall Jahre später noch ein Echo. Nach Abschluss der Bauarbeiten für das deutsche Patentamt wurde ich an die Bauleitung der Technischen Hochschule in München versetzt. Um die Einhaltung der Auflagen der Berufsgenossenschaft für die Sicherheit der Beschäftigten zu prüfen, meldete sich 1960 ein Herr bei mir an, der mit mir die Baupläne für den Neubau des Instituts für Elektrische Maschinen und Geräte durchgehen wollte (oder war es die Hochvolthalle?), wobei es hauptsächlich um die Fluchtwege ging. Wie überrascht waren der Prüfer und ich, dass wir uns kannten, nämlich von der Patentsamtsbaustelle her. Er war der ehemalige Bauleiter der ausführenden Firma, ein freundlicher sympathischer Mann um die 40. Auf meine Frage, wieso er nun für die Berufsgenossenschaft arbeitet, sagte er mir, dass er deren Arbeit anlässlich des Unfalls kennen und schätzen gelernt habe. Ein solcher Posten ist auch sicher nicht so stressig, wie der eines vor dem Gesetz verantwortlichen Bauleiters, wo es auch mal Tote auf einer Baustelle geben kann, so dass er sicher eine gute Wahl getroffen hatte. Wir gingen dann die Pläne durch und er fand am Schluss dann doch etwas zu beanstanden, nämlich den unzureichenden Fluchtweg für die Werkstätten im Keller. Vielleicht hatte auch die Erinnerung an das Patentamtsunglück unser beider Sinn für Gefahren geschärft.



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